POLYLOGE I
Wir brauchen eine neue Synthese im Denken über Denken, Sprache und Kultur

INHALTSVERZEICHNIS


POLYLOGUES I
Towards a New Synthesis in Thinking about Thinking, Language and Culture

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Ye Tingfang (Beijing)

Der lange Weg zum Polylog


Ehrlich gesagt, das Thema "Polylog" ist mir etwas fremd. Eigentlich habe ich ein Manuskript vorbereitet. Aber gestern Nachmittag fand ich, dass es dem Begriff des Themas "Polylog" nicht ganz entspricht. Dann habe ich in aller Eile ein anders Konzept entworfen. Das ist also ein richtiger "Stehgreifreferat", das Herr Arlt von mir gewünscht hatte.

Wie allen bekannt ist China ein großes Land, aber auch ein geschlossenes Land. Es wurde zwei Tausend Jahre lang durch den Feudalismus beherrscht. Diese Besonderheit hat auf jedem Chinesen ein Brandzeichen hinterlassen. Seit langem durften wir nur eine Stimme hören, nach einem Denkmuster sprechen, so dass viele Chinesen bis heute geistig noch nicht selbständig sind. Wir haben zwar den großen Denker Konfuzius. Das gilt als unser Glück, aber auch als unser Pech. Der Mann wurde von der Herrschaft jeder Dynastie als der "ewige Vorbild" verehrt. Seine Gedanken bereichern zweifellos unsere Gedanken. Aber er hat uns auch das Recht zum Denken entzogen und die Wahrheit überhaupt manipuliert, weil er immer an die Stelle tritt, wo wir sprechen sollten. Und wenn wir sprechen wollen, müssen wir uns vor allem daran erinnern, ob Konfuzius darüber gesprochen hat. Wenn er wirklich gesprochen hätte, müsste es genug sein, die Sätze seiner Gespräche zu zitieren. Sie sind ja die Bestätigungen der Wahrheit. Vor 2500 Jahren schon hatte sich die einzige Stimme gebildet. So wurde Konfuzius zu unserem geistlichen Gott und deshalb zur Stütze unserer Gedanken, ohne die wir geistig nicht bestehen könnten.

In der "4. Mai-Bewegung" 1919 wurde die Losung " Nieder mit dem Götzen Konfuzius" zum Vorschein gebracht. Die Autorität von Konfuzius wurde daher schwer erschüttert. Aber die Autorität mancher Politiker trat an deren Stelle. Die großen Politiker wurden zu unseren neuen Göttern. Wenn man sprechen wollte, musste man sich wieder daran erinnern, ob diese Männer darüber gesprochen hatten, weil sie ja die Verkörperung der Weisheit und Wahrheit seien. Unsere Landsleute waren wiederum damit zufrieden, die Sätze aus manchen Büchern der Politiker zu zitieren. Und manche verstanden, immer nach solchen Büchern zu sprechen und zu schreiben. Dadurch konnten sie eine Macht gewinnen, mit der sie die anderen zwingen konnten, ihre Anschauungen zu übernehmen. Viele waren daran gewöhnt, die Anschauungen der anderen zu befolgen. Das war ein Beharrungsvermögen des Denkens von den meisten Chinesen seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis Ende der 70er Jahren. Dieser Zustand behinderte die meisten Chinesen, politisch und ideologisch zu erwachen und die Fähigkeit zur Beteiligung der internationalen Kommunikation zu steigern.

Vom Ende der 70er Jahren an wurde die "Reform und Öffnung" in China endlich proklamiert. Seither ist bei uns in China oft folgende Lieblingsphrase zu hören: "China hat es nötig, in die Welt zu hören, und die Welt, nach China zu fragen." Seit den 80er Jahren finden in Peking oder Shanghai jährlich mehrere internationale Konferenzen großen Typs statt. Auf diesen Konferenzen und anderen internationalen wissenschaftlichen Symposien werden verschiedene Anschauungen toleriert. Früher wurden bei uns in China manche europäische Denker wie Schopenhauer, Nietzsche, Freud und die literarische Moderne wie Kafka, Joyce, T.S. Eliot u.s.w als die "reaktionären" Philosophen und Vertreter der "Dekadenz" verurteilt. Jetzt dürfen wir auch aus ihren Büchern bestimmte Zeilen zitieren und aufnehmen. Vorläufig bemerkt, die Chinesische Forschungsgesellschaft für deutschsprachige Literatur, deren Präsident ich bin, hat Anfang November dieses Jahres das Symposium unter dem Thema "Umwertung der deutschen Romantik" veranstaltet. Dies wäre früher undenkbar gewesen, weil die deutsche Romantik damals in unserem Land so wie in anderen sozialistischen Ländern als negativ, sogar reaktionär betracht wurde.

Die chinesischen Geisteswissenschaftler und Kulturwissenschaftler interessieren sich jetzt sehr für die verschiedenen neuen Gedankenströmungen einschließlich der Postmoderne aus der abendländischen Welt. Die meisten Hauptwerke von den vertretenden Autoren, wie z. B. Schopenhauer, Kierkegaard, Nietzsche, Freud, Heidegger, Husserl, Sartre, Weber, Wittgenstein, Benjamin, Marcuse, Gadamer, Iser, Jauss, Foucault, Derrida, Barthes, Habermas, Jamson usw. wurden und werden ins Chinesische übersetzt und gedruckt. Von diesen Namen wussten wir vor 25 Jahren nichts. Damals wurden wir von der abendländischen Kultur ganz abgetrennt. Diese Isolierung führte manchmal dazu, dass wir in Verlegenheit gerieten. Zum Beispiel wollte sich Mitte der 70er Jahre die Xinhua-Nachrichtenagentur, der größte Pressedienst in China, nach dem schwedischen deutschsprachigen Dichter Peter Weiss erkundigen. Sie rief Professor Fengzhi an, den bedeutendsten chinesischen Germanisten und berühmten Lyriker in China, auch den Rektor unseres Forschungsinstituts und meinen ehemaligen Lehrer. Leider hatte Professor Feng davon keine Ahnung. Er rief mich deswegen an. Natürlich kannte ich den Namen auch nicht. Dann frage ich bei vielen anderen Kollegen und Kolleginnen an. Aber niemand kannte ihn. Sehen Sie, an einem so grossen Forschungsinstitut für Ausländische Literatur gab es keinen einzigen, der den weltbekannten Dichter kannte! Ich fühle mich immer noch erbittert, wenn ich mich an diese Vergangenheit erinnere. Zum Glück ist diese ungewöhnliche Zeit vorbei!

Seit Jahren verbreitet sich in China noch eine andere Lieblingsphrase. Sie lautet: "Hinaus gehen, herein einladen", also Besuche austauschen. Da entstanden und entstehen viele Paare sogenannte Schwester-Universitäten, z. B. Peking Universität zu FU in Berlin; Yunnan Universität zur Universität Zürich; Universität für Fremdsprachen zur Universität Heidelberg; unsere Chinesische Akademie für Geistes- und Gesellschaftswissenschaften hat auch mit verschiedenen Staaten dutzende Verträge geschlossen. Darunter können wir Germanisten wenigstens den Vertrag jeweils mit der DFG, mit der Ebner-Stiftung, mit der österreichischen Akademie finden. Außerdem gibt es nicht wenige ausländische Stiftungen, die früher und später schon in Peking ihre Außenstellen errichtet haben. Von Deutschland sind neben den obengenannten noch Humboldt-Stiftung, DAAD, Adenauer-Stiftung, Seidel-Stiftung zu nennen. Überdies gibt es noch gewisse Gelehrte, die durch die chinesische Regierung ins Ausland geschickt werden. Unsere Akademie enthält 30 Forschungsinstitute und 3660 Personen. Darunter gibt es jedes Jahr durchschnittlich für ca. 1500 Personen die Gelegenheit, ins Ausland zu kommen. Zugleich wurden und werden viele ausländische Kollegen und Kolleginnen von uns eingeladen, in unserem Land Vorträge zu halten oder an unseren Symposien teilzunehmen oder Studienaufenthalt zu machen. Allein unsere Forschungsgesellschaft für deutschsprachige Literatur hat in den letzten Jahren über 10 deutsche Kollegen und Kolleginnen zu Besuch in China eingeladen. Darunter sind folgende bekannte Namen zu nennen: Hans Mayer (Tübingen), Borchmeyer (Heidelberg), K. D. Müller (Tübingen), J. Schröder (Tübingen), Krippendorff (Berlin), Werner Schubert (Weimar) usw. Sie haben uns durch ihre Vorträge und Gespräche viele neuen Erkenntnisse angeboten und uns viele Denkanstösse gegeben.

Die chinesische Kulturwissenschaftler und Leser haben schon lange Wissensdurst. Sie sehnen sich danach, verschiedene Stimmen zu hören und neue Anschauungen kennenzulernen. Sie brennen deswegen darauf, manche weltbekannte Persönlichkeiten einladen zu können. Nach vielen Bemühungen führte es seit letztem Sommer zu zwei auffallenden Ereignissen. Erstens, Auf die Einladung durch das Forschungsinstitut der Chinesischen Akademie für Geistes- und Gesellschaftswissenschaften kam Professor Jürgen Habermas endlich nach China und hat an unserer Akademie, an der Peking Universität, an der Qinghua Universität sogar an der Chinesischen Volksuniversität jeweils einen Vortrag gehalten. Das erregte großes Aufsehen in Peking. Während er an unserer Akademie auftrat, war unsere Aula zum Brechen voll. Und als er an der Peking Universität war, musste der Hörsaal sogar dreimal gewechselt werden. Danach nahm der französische Philosoph Derrida die Einladung von Shanghai an. Seine Ankunft hat auch in Shanghai Aufregung verursacht.

Am Institut für Ausländische Literatur, an dem ich tätig bin, ist die Vielsprachigkeit noch dynamischer. Bei uns gibt es 15 Fremdsprachen. Wenn eine Abteilung einen betreffenden Experten zu Besuch bei uns eingeladen hätte, durfte jede(r) aus den anderen Abteilungen bei seinem Vortrag anwesend sein. Innerhalb des Instituts wird der ständige akademische Austausch auch geleistet. Hier finden oft Podiumsdiskussionen statt. Die alle interessierenden Fragen werden hier diskutiert und debattiert. Wenn ein Kollege oder eine Kollegin von einem Studienaufenthalt im Ausland zurückgekommen ist, müssen er (sie) auch uns manches Neues oder Kenntnisse, die er (sie) sich angeeignet hatten, vorstellen. Dadurch werden wir oft inspiriert und aufgeklärt. Es hilft, das Gesamtniveau des Instituts zu erhöhen. Im Laufe der Kommunikation der Vielsprachigkeit haben die chinesischen Kulturwissenschaftler schnell die Augen geöffnet, ihre Wissenskonstruktion ausgerichtet und die geistige Dynamik angeregt. Jedoch dürfen wir nie vergessen, dass wir erst in der Zeit der Postmoderne mit der Reform und Eröffnung beginnen. Der Aufbruch ist ziemlich spät. Unser Ausgangspunkt ist auch nicht hoch. Seit diesen 20 Jahren wird nur unsere Idee in gewissem Grad geändert, unsere überlieferten Denkmuster korrigiert und unser Blickfeld viel erweitert. Was wir bis heute getan haben, ist nur Wiederholung des Getanen der abendländischen Kollegen und Kolleginnen. Wir haben den internationalen Kollegen und Kolleginnen noch keine eigene schöpferische Auffassung beigetragen. Wir haben noch keinen originellen Denker. Das können wir aber für die nächsten 20 Jahren erwarten.


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