POLYLOGE I
Wir brauchen eine neue Synthese im Denken über Denken, Sprache und Kultur

INHALTSVERZEICHNIS


POLYLOGUES I
Towards a New Synthesis in Thinking about Thinking, Language and Culture

CONTENT

 

Monika Dannerer (Salzburg)

Sprachliche Handlungsmuster als dynamische Beschreibungsmodelle sprachlicher Kommunikation


0. Abstract

In meinem Beitrag möchte ich das Konzept der "Handlungsmuster" als dynamisches Beschreibungsmodell für sprachliches Handeln vorstellen, das im Rahmen der Funktionalen Pragmatik entwickelt wurde. Es handelt sich dabei um die Beschreibung einer Tiefenkategorie, die aus der Analyse von empirischen Daten und aufgrund hermeneutischer Prozesse abstrahiert wird. Anhand einiger Beispiele für Realisierungsvarianten des Handlungsmusters "Aufgaben-Festlegen" werde ich zeigen, wie die konkrete Realisierung durch die sozialen Beziehungen der Gesprächsteilnehmer und den gesellschaftlichen Zweck bzw. die (sub-)kulturellen Normen im weitesten Sinne beeinflusst wird und welche Rolle die spezifische sprachliche Realisierung spielt. Auch der Frage, wie die TeilnehmerInnen signalisieren, dass sie über dieses Musterwissen verfügen, wird nachzugehen sein. Abschließend soll die Rolle der Handlungsmuster in der Kommunikation allgemein und damit auch die Bedeutung dieses Konzeptes für die Entwicklung eines dynamischen interdisziplinären Kommunikationsmodells, das individuelle und kulturgebundene Phänomene gleichermaßen beschreiben kann, herausgearbeitet werden.

 

1. Das Konzept des "Handlungsmusters" in der Funktionalen Pragmatik

Ein wichtiges Ziel der Funktionalen Pragmatik ist es, das sprachliche Handeln auf seine zugrundeliegenden Gesetzmäßigkeiten zurückzuführen, d.h. die Musterhaftigkeit sprachlichen Handelns zu erkennen und zu beschreiben. Die Entwicklung der Analyse und die Anwendung der Ergebnisse ist dabei in gleicher Weise auf empirische Daten ausgerichtet. Aufgrund der Flexibilität in Bezug auf die Analyseebene und den dynamischen Charakter der beschriebenen Modelle eignet sich dieser Ansatz auch besonders gut zur Beschreibung und Analyse interkultureller Kommuniaktionsprozesse.

Ehlich und Rehbein (1986: 137) definieren sprachliche Handlungsmuster als "spezifische Ensembles von Tätigkeiten und Tätigkeitsabfolgen", die durch die gesellschaftlichen Zwecke sprachlichen Handelns determiniert werden.

Individuelles Handeln wird also als ein Handeln aufgefasst, das sich bestimmter bestehender gesellschaftlicher Praxisformen bedient und es wird untersucht, in welchen gesellschaftlichen Zusammenhängen diese Praxisformen stehen. (Ehlich/Rehbein 1986: 163)

Die Handlungsmuster werden in einem hermeneutischen Prozess aus empirischem Datenmaterial gewonnen. Empirische Analyse und Abstraktion verbinden sich so zu einer Einheit (vgl. auch die Beschreibungen in Ehlich 1986 und Brünner/Graefen 1994: 7-21).

Dabei ist es wichtig festzuhalten, dass die Handlungsmuster nicht unmittelbar an der sprachlichen Oberfläche anzutreffen sind, sondern dass es sich dabei um eine Tiefenkategorie handelt. Es sind zugrundeliegende Organisationsformen sprachlichen Handelns, "Potentiale von linearen Realisierungen", die die Oberfläche determinieren, aber eben nicht direkt zugänglich sind. Das Verhältnis zwischen konkreter sprachlicher Realisierung und Handlungsmuster ist also durchaus ein komplexes. Dies zeigt sich beispielsweise auch daran, dass Muster miteinander kombiniert werden können und dass Muster in andere Muster eingebettet werden können. (Ehlich 1986: 26)

Ein Handlungsmuster selbst besteht aus einer dynamischen Abfolge von verschiedenen Musterpositionen. Es muss betont werden, dass es sich beim Konzept der Handlungsmuster nicht um ein Ablaufschema handelt, das deskriptive oder womöglich sogar präskriptive Regeln für sprachliches Handeln zu formulieren versucht, sondern um die abstrakte Beschreibung eines dynamischen und variablen Prozesses.

Betrachtet man den gesellschaftlichen Zweck eines Handlungsmusters, dann lassen sich bestimmte unverzichtbare Musterpositionen von fakultativen unterscheiden und damit so etwas wie ein "zweckbestimmter Minimaldurchlauf" eines Handlungsmusters ausmachen (Ehlich/Rehbein 1986: 138-140).

 

2. Das Handlungsmuster "Aufgaben-Festlegen"

Im Folgenden möchte ich dieses Handlungsmuster-Konzept anhand von mehreren Beispielen verdeutlichen. Ich werde zu diesem Zweck ein Handlungsmuster in einem konkreten gesellschaftlichen Kontext, in einer konkreten gesellschaftlichen Kommunikationssituation herausgreifen und daran zeigen, wie das sprachlich bzw. kulturell gebundene und überindividuell verfügbare Musterwissen die Interaktion beeinflusst bzw. ihr zugrunde liegt.

Als Kommunikationssituation wähle ich die (abteilungsübergreifende Projekt-) Besprechung in einem Industriebetrieb,(1) als Handlungsmuster das "Aufgaben-Festlegen".

Ganz allgemein erfüllt der Diskurstyp der (innerbetrieblichen) Besprechung verschiedene Funktionen wie z.B. Weitergabe von Information, Meinungsaustausch, Entscheidungsfindung, Planung und Verteilung von Arbeit aber auch die Präsentation von Wissen/Können/Tun gegenüber anderen und die Herausbildung/Festigung sozialer Beziehungen bzw. innerbetrieblicher Hierarchien.

Effizienz und Themenzentriertheit werden bei Besprechungen zumindest vordergründig angestrebt, bestimmte Handlungsmuster sind in einer spezifischen Ausprägung oder einer spezifischen Wichtigkeit vertreten (Informieren/Informiert-Werden /Sich-informieren-Lassen, Entscheidungen-Treffen bzw. Dissens-Austragen, Aufgaben-Festlegen), und die Bedeutung von Hierarchien/Machtverhältnissen/Dominanzen ist stark ausgeprägt (vgl. dazu Dannerer 1999).

 

Innerhalb von Besprechungen erfüllt das Handlungsmuster "Aufgaben-Festlegen" den übergeordneten Zweck, eine verbindliche Zuordnung herzustellen zwischen Aufgaben bzw. Teilaufgaben und Personen, die sich verpflichten, diese in einem bestimmten zeitlichen Rahmen auszuführen. Damit sind Aufgaben-Festlegungen unabdingbar für die Zusammenarbeit in einem Unternehmen (bzw. für Zusammenarbeit überhaupt) und häufig Kernstück oder Ziel von Besprechungen.

Für das Handlungsmuster "Aufgaben-Festlegen" können gemäß den oben genannten Zwecken und aus der Analyse des empirischen Datenmaterials heraus die folgenden Musterpositionen als konstitutiv ermittelt werden:

  • Benennung der Aufgabe
  • Begründung der Aufgabe (fakultativ)
  • Benennung des/der Ausführenden
  • Angabe eines Zeitrahmens
  • Ratifizierung (der einzelnen Musterpositionen bzw. allgemeine Ratifizierung)

Diese Musterpositionen können innerhalb eines Handlungsmusters "unproblematisch" ablaufen, d.h. ohne größere Meinungsverschiedenheiten und in einem Zuge ohne Einlagerung anderer Handlungsmuster, wie Beispiel (1) zeigen soll.

[Vielleicht an dieser Stelle ein kleiner Einschub, eine Randbemerkung zur Transkriptionsweise. Es handelt sich dabei um eine sog. "Partiturschreibweise", die die Form einer Partitur verwendet, um das Miteinander in der sprachlichen Interaktion gut festhalten zu können. D.h. wie für die Stimmen verschiedener Instrumente werden für die verschiedenen Kommunikationsteilnehmer jeweils eigene Zeilen verwendet. Das, was innerhalb einer Partiturfläche, die durch einen Rahmen angedeutet wird, untereinander steht, ist als "gleichzeitig" zu lesen. (Zu den Sonderzeichen vgl. Anhang)

In diesem Beispiel, geht es darum, dass in einer Besprechungsgruppe am Ende des Zusammentreffens festgelegt werden soll, was die Gruppe bei ihrem nächsten Treffen besprechen möchte:

Herr Kurz, ein Abteilungsleiter macht hier einen Vorschlag ("wir könnten auch Ihrer Kritik nachgehen, ob [x] tatsächlich so unproblematisch is ...."). Herr Port, der Projektleiter und Herr Watt, der Leiter dieser Besprechung stimmen ihm zu. Herr Port konkretisiert die Aufgabe bzw. spricht die dazu notwendigen Zwischenschritte an und beauftragt konkret Herrn Hall damit, dies zu tun ("da wär ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie nochmal redn mit Doktor <Cerha> und dann wirklich a * mehr oder weniger definitve Aussage machn können."). Herr Hall bestätigt einmal kurz ("ja,"), nickt und macht sich Notizen. Nachdem Herr Watt als Besprechungsleiter noch einmal festhält, dass dies bis zum nächsten Mal zu geschehen hat, erhält er eine weitere Bekräftigung durch Herrn Port und Herrn Kurz. Herr Hall selbst ratifiziert und benennt abschließend noch einmal konkret die Aufgabe ("ja * hmhm, * das war also die * <Z>-Messung").

Dieses einfache Beispiel ist in mehrerlei Hinsicht interessant: Erstens zeigt es, dass die Musterpositionen hier ohne weitere Diskussion abgearbeitet werden, dass dies aber nicht strikt der Reihe nach geht die Benennung der Aufgabe erfolgt in zwei Teilen durch zwei verschiedene Mitarbeiter, die Ratifizierungen erfolgen mehrfach und auf sprachliche wie auch nonverbale Weise, die Benennung der Aufgabe wird am Ende noch einmal wiederholt.

Zweitens zeigt es, dass die Besprechungsteilnehmer im Sinne eines Polylogs zusammenhelfen, um dieses Handlungsmuster zu realisieren. Dies verdeutlicht, dass sie offenbar ein Wissen darüber haben, welche Handlung hier vollzogen wird sonst könnten sie sie nicht gemeinsam vollziehen und wie diese Handlung zu vollziehen ist.

Weitere Beispiele aus dem gleichen Korpus zeigen, dass die einzelnen Musterpositionen aushandelbar sind. Das Handlungsmuster an sich hat man sich also wesentlich komplexer vorzustellen:

Auch diese Darstellung ist immer noch eine Vereinfachung, da sie nicht die mentalen Prozesse berücksichtigt, die mit den verbalen Äußerungen verbunden sind bzw. ihnen vorangehen und da sie nicht darauf eingeht, dass die Reihenfolge der Musterpositionen variabel ist.

An sich kann jede Musterposition zur Diskussion gestellt werden. Die Aufgabe an sich bzw. ihre Notwendigkeit kann ebenso in Frage gestellt werden wie die Festlegung der Person, die diese Aufgabe erfüllen soll oder auch der Zeitpunkt, bis zu dem die Aufgabe zu erledigen ist.

Zu beobachten ist auch, dass eine Aufgabenfestlegung mehrfach initiiert werden kann, wenn eine der Musterpositionen fehlt.

Beispielsweise kommt einer der Vorgesetzten in einer Besprechung mehrfach darauf zu sprechen, wie er sich die Abrechnung des Projektes vorstellt; er tut dies so lange, bis der zuständige Mitarbeiter die Aufgabe nicht nur mit einem kurzen "mhm" ratifiziert, sondern ausführlich versichert, dass er dies so machen wird. Anhand dieses Beispiels wird überdies deutlich, dass die Art und Weise, wie eine Musterposition konkret sprachlich realisiert wird, darauf Einfluss hat, ob die Realisierung als ausreichend gesehen wird oder nicht (FuE-3, 584-591, 760-818; vgl. Dannerer 1999: 162f.). Grob gesagt lautet die Faustregel: Je wichtiger das Anliegen ist und je größer der Zweifel daran, dass es richtig ausgeführt wird, desto ausführlicher wird die verbale Ratifizierung erwartet. Zudem ist bei solchen mehrfachen Initiierungen häufig auch eine zunehmende Konkretisierung und ausführlichere Begründung feststellbar.

Zur Bedeutung der Art und Weise der konkreten Realisierung möchte ich ein weiteres kurzes Beispiel bringen. Hier geht es darum, dass die Teilnehmer zu Beginn der Besprechung einen Protokollanten suchen eine Aufgabe, die bei allen unbeliebt ist:

In diesem Ausschnitt ist zweierlei aufallend:

  1. Die Form, in der Herr Kurz jemand anderen schlicht und einfach benennt und verpflichtet, statt ihn höflich zu fragen oder vorzuschlagen, ist eine, die in diesem Kreis und in diesen personellen und hierarchischen Konstellationen die beiden stehen auf gleicher Ebene, sind aber persönlich keineswegs befreundet nicht üblich ist. Das verursacht das Lachen und die Tatsache, dass der Sprechakttyp im Nachhinein metasprachlich noch thematisiert wird (Fläche 6-8).
  2. Herr Hall vollzieht zunächst nur eine unklare Ratifizierung. Sein "danke für den ehrenwerten Auftrag" ist lachend gesprochen und dadurch ironisch und damit ist nicht klar, ob es lediglich eine Kritik an dieser Vorgehensweise ist oder ob er auch die Übernahme der Aufgabe signalisiert. Um dies zu klären, hakt Herr Kurz noch einmal nach und fragt direkt: "angenommen," woraufhin Herr Hall seine Ratifizierung eindeutig macht ("angenommen.").(2)

Im Hinblick auf die Relevanz der Handlungsmuster im Denken der GesprächsteilnehmerInnen ist auch der Umgang mit dem Fehlen von essentiellen Musterpositionen eine nähere Betrachtung wert.

Bei der Musterposition "Festlegung des zeitlichen Rahmens" ist z.B. häufig eine große Hartnäckigkeit in den Besprechungen zu beobachten man kommt immer wieder auf die Frage zurück, bis wann eine Aufgabe erledigt sein wird. In einzelnen Fällen, wo jedoch auch eine solche Hartnäckigkeit nicht zum gewünschten Ergebnis führt, kann das Fehlen einer Festlegung sogar im Protokoll markiert werden: "also ich hab notiert, * EDV-Manual kommt, * wann, * zwei Fragezeichen."

Wenn umgekehrt bei einer Aufgabenfestlegung nicht alle Musterpositionen erfüllt sind, jedoch keiner nachhakt, dann lässt dies verschiedene Schlussfolgerungen zu:

  1. die Aufgabenstellung wird noch einmal thematisiert sei es in dieser Besprechung, sei es in einer weiteren oder aber auch in Einzelgesprächen zwischen den Besprechungen;
  2. die Aufgabe ist letztlich nicht von ausreichender Wichtigkeit bzw. die Aufgaben-Festlegung ist nicht als solche zu verstehen.

Diejenigen Fälle, in denen Musterpositionen aus der Besprechung in andere Gesprächssituationen bewusst oder durch Zufall ausgelagert werden, kann ich hier selbstverständlich nicht nachzeichnen, sie fanden aber auch in den hier untersuchten Gruppen statt.

Für den zweiten Fall, dass nur scheinbar ein Fall von Aufgaben-Festlegung vorliegt, sei im Folgenden ein kurzes Beispiel angeführt (ausführlicher in Dannerer 1999: 177ff.).

In Beispiel (3) geht es um eine neue Vertriebssoftware, die innerhalb des Konzerns auf breite Ablehnung stößt. Herr Salz, der sie eher (aber auch nicht ohne Vorbehalte) verteidigt, fordert den der Software gegenüber sehr kritisch eingestellten Herrn Perg auf, die Vertreter der spanischen Konzerntochter von den Vorzügen des neuen Programms zu überzeugen. Er legt also eine Aufgabe für ihn fest:

In dieser Sequenz gibt es mehrfach Signale dafür, dass die Aufgabenfestlegung zwar in gewissen Musterpositionen angesprochen wird, jedoch nicht als Handlungsmuster vollendet und auch an der Oberfläche nicht adäquat realisiert wird.

Für die vollständige Ausführung fehlen v.a. die Konkretisierung eines Zeitrahmens und die Ratifizierung durch Herrn Perg.

Im Bezug auf die Realisierung an der sprachlichen Oberfläche ist auffallend, dass Herr Salz die Aufgabe nicht abschwächt und die Festlegung sehr direkt formuliert nicht etwa als höfliche Frage, wie es ihm als hierarchisch rangniedrigerem (wenn auch Perg selbst nicht unterstellten) Mitarbeiter anstünde.

In diesem Fall nimmt offenbar keiner der Beteiligten die Aufgaben-Festlegung ernst. Dies manifestiert sich darin, dass weder der Diskussionsleiter Stab noch ein anderer Teilnehmer in der Besprechung auf eine Ratifizierung drängt, dass Herr Salz auch später nicht mehr darauf zurückkommt und dass Herr Perg keinen Versuch macht, diese Aufgaben-Festlegung abzulehnen obwohl die Aufgabe keineswegs eindeutig in seinen Kompetenzbereich fällt.

In einem letzten Beispiel möchte ich zeigen, wie GesprächsteilnehmerInnen gleichzeitig auch verschiedene Musterpositionen bearbeiten können, ein weiteres Signal dafür, wie komplex man sich die Relation zwischen Handlungsmustern und deren Realisierung an der konkreten sprachlichen Oberfläche vorzustellen hat.

In Beispiel (4) versucht ein statusniedriger Mitarbeiter, Herr Kolb, sich dagegen zu wehren, dass er noch eine weitere Aufgabe übertragen bekommt ohne dass die zeitliche Vorgabe für die Erfüllung der Aufgaben entsprechend realistisch verändert würde.

Herr Port, der Projektleiter und Herr Kurz, der Vorgesetzte von Herrn Kolb, sind sich einig, dass neue Messungen durchgeführt werden müssen. Herr Kolb widerspricht der Notwendigkeit von zusätzlichen Messungen nicht, möchte aber offensichtlich erreichen, dass ihm dafür eine angemessene Zeit eingeräumt wird. Er thematisiert den Zeitbedarf jedoch nicht direkt sondern nur indirekt, indem er anspricht, dass er dann eben die Prüfstandsversuche, die er gerade durchführt, einstellt.

Sein Vorgesetzter, Herr Kurz reagiert darauf, als ob das ein Missverständnis wäre: Er erklärt, dass die bisherigen Versuche fortzuführen sind und betont mehrfach die Wichtigkeit der neuen Aufgabe:

Herr Port und dann auch der Leiter der Besprechung, Herr Watt, stimmen Herrn Kurz zu, dass die neuen Messungen sehr wichtig sind. Herr Kolb gibt sich daraufhin "geschlagen". Er ist mit der indirekten Ablehnung des Zeitplanes nicht durchgekommen und möchte das Problem offenbar nicht offen ansprechen, wohl um nicht als langsamer, d.h. unfähiger Mitarbeiter zu gelten.

Auch in diesem Beispiel sind zwei verschieden explizite Ratifizierungen von Kolb zu finden in Fläche 13 sehr knapp mit "ja. okay." und zuletzt in Fläche 23 explizit mit "ich stimm zu".

In diesem Beispiel ist zwar ein "Missverständnis" in Bezug auf die gerade thematisierte Musterposition aufgetreten, allerdings gewinnt man den Eindruck, dass dieses Missverständnis eines ist, das (einem Teil der) Teilnehmer bewusst ist und das sie funktional gebrauchen: Die Vorgesetzten wollen gar nicht auf die Zeitprobleme des Mitarbeiters eingehen und es gelingt ihnen, sich mit der Bearbeitung "ihrer" Musterposition durchzusetzen.

 

3. Zur Rolle von Handlungsmustern in der Kommunikation

Ich habe festgestellt, dass "Handlungsmuster" im Sinne der Funktionalen Pragmatik eine Beschreibungskategorie der Tiefenstruktur sind, und mich bemüht, anhand einiger weniger Beispiele anzudeuten, wie verschieden die Realisierungen an der sprachlichen Oberfläche sein können. Insgesamt stellen sich dabei noch zwei grundlegende und weiterführende Fragen:

  1. Welche Reichweite und welche Universalität kommt Handlungsmustern zu?
  2. In welchem Ausmaß ist die Existenz von Handlungsmustern den KommunikationsteilnehmerInnen bewusst?

3.1. Zur Reichweite und Universalität von Handlungsmustern

Das Vorhandensein von Handlungsmustern, von einer Tiefenstruktur, die sprachlichem Handeln zugrundeliegt, kann als Universalie angenommen werden. Die Ausprägung solcher Handlungsmuster ist jedoch kulturell verschieden und es dürfte innerhalb von Kulturen und Subkulturen sehr feine Differenzierungen geben.

In interkulturellen Korpora hat z.B. Rehbein sehr schön gezeigt, dass differierende Handlungsmuster bzw. differierendes Musterwissen zu tiefgreifenden Kommunikations störungen führt. Er hat dies am Beispiel von Arztbesuchen gezeigt, wo türkische PatientInnen ganz andere Vorstellungen von dem hatten, was gerade "an der Reihe" war bzw. was in welcher Art und Weise bzw. Ausführlichkeit von ihnen thematisiert werden sollte und was nicht (Rehbein 1994).

Je nach (Sub-)Kultur unterliegen überdies die Realisierungen an der Oberfläche anderen Anforderungen. Am Beispiel des Handlungsmusters "Aufgaben-Festlegen" heißt dies beispielsweise, dass die Festlegung des potentiell Ausführenden direkter erfolgen kann als im Korpus, aus dem die oben analysierten Beispiele stammen (kein Konjunktiv, keine Bitten, sondern Aufforderungen) oder aber auch weniger direkt. Eine Ratifizierung kann mehr oder weniger ausführlich erwartet werden, etc.

Denkbar ist weiters, dass zusätzliche Musterpositionen erforderlich sind z.B. eine Begründung/Legitimierung einer Aufgabe durch Berufung auf höhere Instanzen.

Auch das routinemäßige Weglassen bestimmter Musterpositionen oder aber ihre Auslagerung in andere Settings bzw. in andere Handlungsmuster ist denkbar (wenn in einer Besprechung z.B. generell kein Termin für eine Aufgabe festgelegt wird, sondern diese Musterposition beispielsweise am Telefon oder bei einer Tasse Kaffee unter vier Augen besprochen wird).

Das Offenlassen von Musterpositionen (z.B. "Festlegung des zeitlichen Rahmens") kann jedoch auch Signalwirkung in eine andere Richtung haben, dass nämlich die Aufgabenfestlegung (noch) nicht ernst genommen werden muss. Dies ist beispielsweise dann denkbar, wenn die Aufgabe für alle Beteiligten unangenehm ist und/oder nur aus Höflichkeit oder anderen äußeren Zwängen heraus thematisiert werden muss.(3)

Aus dem bisher Dargestellten wird deutlich, dass das Konzept der Handlungsmuster hilfreich sein kann bei der "Übersetzung" der konkreten Sprechhandlungen an der sprachlichen Oberfläche in Elemente der Tiefenkategorie "Musterposition x". Je nach Konventionen, die man für die Realisierung einer Musterposition für eine bestimmte (Sub-)Kultur herausarbeitet, kann z.B. eine zurückhaltende Zustimmung als Zustimmung zu dieser Aufgabe oder eben auch als deren Ablehnung interpretiert werden.

3.2. Zur Bewusstheit von Handlungsmustern

Handlungsmuster sind wohl nicht in dem Sinne "bewusst", dass die SprecherInnen sie als solche kennen und spontan vollständig benennen könnten. Aber dann, wenn KommunikationsteilnehmerInnen in ein Gespräch involviert sind und auf Handlungsmuster zurückgreifen, scheinen sie ein Bewusstsein davon zu haben, welche Musterpositionen für die erfolgreiche Realisierung des Musters erforderlich sind. Dann wird z.B. sehr wohl moniert, wenn eine Musterposition offen geblieben ist. Um dieser Frage aber weiter nachzugehen, wäre es interessant, mittels experimenteller Settings den Bewusstheitsgrad gegenüber solchen Handlungsmustern zu überprüfen.

 

4. Zusammenfassung

In eine "neue Theorie", die interdisziplinär "mehrstimmige" Kommunikation als dynamischen Prozess modellieren will, sollten aus meiner Sicht aus der Funktionalen Pragmatik die folgenden Gedanken und Prämissen einfließen:

  • die Schaffung/Modifikation einer Theorie unter Berücksichtigung empirischer Daten
  • der Einbezug der gesellschaftlichen/kulturellen Bedingtheit
  • die Auffassung von einer individuellen und situationsgebundenen Varianz über einem allgemeinen, gesellschaftlich/kulturell bedingten Grundmuster
  • der Einbezug von nonverbaler Kommunikation (auch in der Funktionalen Pragmatik geschieht dies nur in Ansätzen) d.h. u.a. die Frage, wie steuern diejenigen das Gespräch, die nichts sagen?


Literatur:

Brünner, Gisela/Graefen, Gabriele (1994) Einleitung. Zur Konzeption der Funktionalen Pragmatik. In: Dies. (Hg): Texte und Diskurse. Methoden und Perspektiven der Funktionalen Pragmatik. Opladen. 721.

Dannerer, Monika (1999) Besprechungen im Betrieb. Empirische Analysen und didaktische Perspektiven. München: iudicium.

Dannerer, Monika (in Druck) Allen Ernstes scherzen? Formen und Funktionen von Scherzen und Lachen in innerbetrieblichen Besprechungen. In: Becker-Mrotzek, Michael/Fiehler, Reinhard (Hg): Unternehmenskommunikation. Tübingen. (Forum Fachsprachenforschung).

Ehlich, Konrad (1986) Funktional-pragmatische Kommunikationsanalyse. In: Hartung, Wolfdietrich (Hg): Untersuchungen zur Kommunikation Ergebnisse und Perspektiven. Berlin. (=Linguistische Studien Reihe A. Arbeitsberichte, Bd. 149). 1540.

Ehlich, Konrad/Rehbein, Jochen (1986) Muster und Institution. Tübingen. (=Kommunikation und Institution).

Rehbein, Jochen (1994) Widerstreit. Semiprofessionelle Rede in der interkulturellen Arzt-Patienten-Kommunikation In: Klein, Wolfgang/Dittmar, Norbert (Hg): Interkulturelle Kommunikation. Göttingen. (=LILI Jg.24, H 93). 123151.

 

Anhang: Die wichtigsten Transkriptionszeichen:

* = kurze Pause bis zu einer Sekunde
** = längere Pause (bis zu zwei Sekunden)
*** = Pause bis zu drei Sekunden
*5* = Pause, die länger als drei Sek. dauert (mit Angabe der Dauer in Sek.)
gut, = steigende Intonation
gut. = fallende Intonation
gut! = starke Emphase
gut = betont
guut = auffallende Dehnung
(gut) = vermuteter Wortlaut
/ = Abbruch (im Wort oder in der Konstruktion)
 
zu Ko = nonverbales Verhalten (mit #- - -# wird bei Bedarf die Extension markiert)
< > = verschlüsselte Daten


(1) Dass es sich um ein profitorientiertes Unternehmen handelt, ist dabei insofern von Belang, als der Entscheidungsdruck aufgrund ökonomischer Notwendigkeiten vielleicht etwas höher ist als bei Non-Profit-Unternehmen.

(2) Nebenbei bemerkt wird auch bei anderen Realisierungen des Handlungsmusters "Aufgaben-Festlegen" in den Besprechungen auffallend viel gescherzt. Nicht nur Verstöße gegen die übliche Form des Aufgaben-Festlegens, sondern auch Verstöße in Bezug auf den Kreis der möglichen Personen, die für eine Aufgabe in Frage kommen, werden z.B. mit Gelächter quittiert z.B. wenn einer der Vorgesetzten scherzhaft als "Bestgeeigneter zum Verfassen eines EDV-Handbuches" vorgeschlagen wird. (EDV-1, s-254-261; vgl. Dannerer, im Druck)

(3) Hierzu vielleicht ein kleines praktisches Beispiel für interkulturelle Probleme bei der Aufgaben-Festlegung: Ich habe selbst vor einigen Jahren an einer ungarischen Universität als Lektorin gearbeitet. Dort wurde nach einigen Monaten von der Lehrstuhlleiterin im Rahmen einer Lehrstuhlbesprechung befunden, ich solle Lehrerfortbildung machen. Dies war insofern ungewöhnlich, als ich zwar Muttersprachlerin aber doch die jüngste Kollegin war. Da in der Besprechung, in der ich diese Aufgabe erhielt, kein Termin dafür vereinbart wurde, erkundigte ich mich in der Folge bei der Lehrstuhlleiterin, wann ich das machen sollte. Sie nannte mir (aus Höflichkeit?) einen Termin (noch dazu in den Ferien), einige KollegInnen kamen, wir besprachen vieles und dann wurde ganz schnell auch noch ein bisschen "Fortbildung" gemacht, danach verlief die Angelegenheit im Sande. Was war passiert? Es war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht aufgefallen, dass es an diesem Lehrstuhl ich möchte gar nicht so weit gehen, das für ganz Ungarn oder auch für andere Länder/Regionen als typisch oder gültig zu verorten offenbar üblich war, bei einer unangenehmen oder als überflüssig angesehenen Aufgaben-Festlegung den Zeitpunkt offen zu lassen und zwar so lange, bis jemand "von oben" wieder darauf zurückkommt. Ich hätte also ruhig zuwarten können man hatte sich mir gegenüber als Gast höflich erwiesen und ich wäre wohl auch höflicher gewesen, die Aufgabe nicht "an mich zu reißen".


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