Was ist Mehrfachidentität ? Wie funktioniert sie ? (1994 - Ljubljana)
Veranstalter: Slowenische Nationale Unesco-Kommission und Institut für Ethnische Studien

BEITRÄGE


Multiple identity: What it is and how it works (1994 - Ljubljana)
hosted by the Slovenian National Commission of Unesco and the Institute of Ethnic Studies

CONTRIBUTIONS

 

Peter Bettelheim

Identität, Nationalität und Judentum


A Zum Hintergrund eines immer wieder aktuellen Themas

Vor längerer Zeit hatte ich eine Einladung bekommen, bei einer Tagung einen Vortrag über "Jüdische Kultur" zu halten. Ich hatte damals nicht nur deshalb dankend abgelehnt, weil in dieser Vortragsreihe auch einer mit dem Titel 'Jüdische Kirchen in Polen' angekündigt war und mir dies ein Hinweis der (In-)Kompetenz der Veranstalter war. Ich hatte vielmehr das Problem, nicht klar angeben zu können, was denn eigentlich als jüdische Kultur angesehen werden kann. Ist es der Ritus beim Gottesdienst in der Synagoge? Oder Sigmund Freuds Totem und Tabu? Oder Otto Bauers und Alfred Klahrs Schriften zur österreichischen Nationalitätenfrage? Oder vielleicht Marcuses "One-Dimensional Man"? Oder Jura Soyfer, der linke Satiriker aus Wien, der 1939 im Konzentrationslager Buchenwald gestorben ist, mit seinem "Lied von der Ordnung". Später habe ich dann im Nachspann zur Hollywood-Serie "Golden Girls" jüdische Namen als Komponisten der Filmmusik und als Produzenten gelesen. Ist vielleicht auch das 'Jüdische' Kultur? Sie sehen, wie diese wenigen Beispiele aus dem 20. Jahrhundert eher Fragen in den Kopf bringen als eine Antwort aus dem Mund.

Ganz ähnlich denke ich, wenn über 'jüdische' Identität gesprochen wird oder auch über die österreichische, japanische und in neuer Zeit von einer 'europäischen'. So einfach die Frage scheint, so unterschiedlich die Antworten - je nachdem in welchem Kontext gedacht, welche referentiellen Beziehungen gemeint sind. Und damit gibt es die beinahe triviale Antwort: Es gibt nicht 'die' jüdische Kultur, sondern eine weite Vielfalt von Kulturen.

Jedoch gibt es seit langem eine jüdische Identitätsdebatte, die viel mit der Diaspora, gesellschaftlichen Veränderungen und -nicht zuletzt- mit dem unausrottbaren Antisemitismus (als spezifische Form rassistischer Vorurteile) zu tun hat. Und, nebenbei bemerkt, läuft ja derzeit im Zusammenhang mit der geplanten 'Osterweiterung' und Intensivierung der EU-Integration nach den Maastrichter Verträgen auch eine Diskussion um die sogenannten 'national(staatlich)en' Identitäten. Außerdem: In der ehemaligen Sowjetunion wie in Jugoslawien können wir betroffen zusehen, wohin nationale Identität führt, wenn sie bis zur letzten Konsequenz umgesetzt wird.

In einem allgemeinen Sinn und mit einer gegenwärtigen Blick fällt auf, dass Identitätsdiskussionen immer als solche der Gruppenzugehörigkeiten geführt werden: Die Kriterien dafür sind rechtliche (etwa staatsbürgerliche), historische (Diaspora), kulturelle (religiöse) etc., die als objektive wie subjektive Merkmale herangezogen; einmal als selbstgewählte, das andere Mal als 'zugeschriebene' bzw. 'zugewiesene'. Bemerkenswert in allen Identitätsdebatten ist dabei, dass fast durchwegs ein Merkmal als identitätskonstituierendes ausgewählt und prioritär gesetzt wird; bisweilen auch mit dem Charakter eines religiösen Bekenntnisses.

Von daher ist es auch kein Zufall, dass dabei auch obskure bis hin zu verbrecherischen Markierungen und Festlegungen produziert werden. Denn - zumindest soweit es unsere abendländisch-bürgerlichen Ideen und Gesellschaftsverträge betrifft- stehen diese mit den realpolitischen, insbesondere nationalstaatlichen Konzepten in einem kaum aufhebbaren Widerspruch: Liberté-Egalité-Fraternité kann nur innerhalb definierter Grenzen (ver)wirklich(t) werden. Die staatlichen Ab- grenzungen schaffen notwendigerweise Aus-grenzungen: diejenigen, die dazugehören und als deren Antipoden eben die, für die dies nicht gilt und die damit auch auf bestimmte Rechte ('Privilegien' als feudale Relikte?) verzichten müssen [1] .

Entscheidend dabei ist jedoch, dass derartige Segregationen nach 'außen' zwangsläufig ebenso zurück nach 'innen' wirken. Denn gemessen an so unterschiedlichen gesellschaftlichen Fakten wie individuellen Lebensgeschichten und gruppenspezifischen Verhältnissen sind die Zugehörigkeits-'Definitionen' veurteilt, zur Fiktion zu verkommen; der Schein drängt eben nicht unbedingt zum Sein. Als aktuelles Beispiel sei hier auf die post-jugoslawischen Staatsbürgerschaften verwiesen, die nicht zufällig an Ahnenkulte und Stammesfehden erinnern, wo Blut und Boden mehr zählen als Lebensgeschichten, Lebensvorstellungen und politische Ziele. Bekanntlich haben jene ihren ideologischen Hintergrund doch in der europäischen Geschichte: Den unterschiedlichen Entwicklungen zu Nationalstaaten und entsprechenden Mythisierungen: Zum einen die, wo "nationale" Homogenisierung über die sozioökonomische Vergesellschaftung entsteht; mit ihr werden traditionelle lokale Kulturen und Gemeinschaften in Standardisierungs-Prozessen überwunden, sodass relativ konforme Wert- und Verhaltensmuster zu einer 'nationalen' Identität werden. Schließlich werden derartige gesellschaftliche Prozesse ergänzt und begleitet durch politische und rechtliche Maßnahmen. Gegenüber diesem eher harmonischen (Erklärungs-) Ansatz steht eine mehr "konfliktorientierte" Entwicklung: Demnach ist der (industrielle und politische) Modernisierungsprozess gekennzeichnet durch aufgezwungene Nivellierungen und 'Gleichschaltungen', die ökonomische, soziale und kulturelle Differenzen damit eher forcieren [2].

 

B. Die 'Kernfrage' der jüdischen Identitätsdebatte

Beginnend mit der Gesetzgebung am Ende des 18. Jh., über die erfolgreiche "48-er Revolution" ging mit der allgemeinen Bürgerlichkeit auch der jüdische Emanzipationsprozess einher. Bei den Juden wurde damit in dramatischer Weise das traditionelle Selbstverständnis in Frage gestellt und machte soziale, kulturelle und politische Neuorientierungen notwendig wie auch möglich. Allerdings, in den verschiedenen Ländern Europas in unterschiedlichen Formen und mit durchaus widersprüchlichen Ergebnissen.

Das reale gesellschaftliche Leben und mit ihm die intellektuelle Auseinandersetzung um das jüdische Selbstverständnis stand in den ca. 100 Jahren vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis in die 30er-Jahrc des 20. Jahrhunderts in dem Spannungsfeld dieser bürgerlichen Emanzipation (die ja auch mit der 'Nationalitäten-' und 'Staatsfrage, verknüpft war), einem kulturellen Assimilationsdruck und traditionell christlich - später dann rassistisch - begründeter Judenfeindschaft.

Die reale Gleichberechtigung, rechtlich durch die Setzung der Menschenrechte von Frankreich ausgehend, sollte ermöglicht werden und gelingen durch die 'Modernisierung' in wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen - und d.h. partiell auch religiösen - Lebensbereichen und Verhalten. Gerade in den westlichen Zentren der europäischen Staaten (Paris, Berlin, Wien, Budapest und Prag) ist die Wechselwirkung und damit gegenseitige Beeinflussung deutlich und auch heute noch nachvollziehbar; wenn auch oft nur in Form einer 'Spurensuche'.

Trotz der rechtlich abgesicherten Gleichberechtigung war das kulturelle Ressentiment gegen die Juden nach wie vor vorhanden (teilweise gerade wegen eines allgemeinen Antimodemismus im katholischen Lager). Daher kam es zur Gründung von jüdischen "Gesellschaften gegen den Antisemitismus" mit Emanzipationsanspruch innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft und der Staaten. So, 1860 (Paris): "Alliance Israélite Universelle" und 1893 (Deutschland): "Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens".

Damit wurde auch organisatorisch ein Gegenkonzept zur aus den osteuropäischen Ländern kommenden zionistischen Selbstverwirklichung etabliert. Und trotz zahlreicher Kontroversen zwischen diesen beiden Positionen, gab es doch ein gemeinsames Credo: Offensive Öffnung statt innerer Religiosität.

Vor dem Hintergrund der europäischen Nationalitätsdebatten, vor allem jedoch wegen der ungleichen realen politischen Entwicklungen im 'Osten' und 'Westen' des Kontinents, entstand als Konzept der jüdischen 'Nationalität' der Zionismus ("Sammlung der Zerstreuten"). Als ursprünglich osteuropäisch getragene Bewegung fand diese anfangs nur wenige westeuropäischen Sympathisanten. Die ideologische Kernposition war und ist bis heute das Konzept des Judentums als Volk, als einheitliche Nation der gesamten Diaspora; das politische Ziel die 'Rückkehr' nach Palästina. Geschaffen wurde damit eine identitätsstiftende Vereinheitlichung und eine Alternative zu den 'Assimilationsjuden' im Westen. Zentrum von "Hibbat Zion" (Liebe zu Zion) war Paris, um den Repressionen des zaristischen Russlands entgehen zu können. Finanziell stark durch Baron Edmond de Rothschild unterstützt, errichtete Hibbat in Palästina jüdische Siedlungen.

1897 findet in Paris der Zionistische Kongress statt, bei dem Theodor Herzl zur Leitfigur aufsteigt. Vor allem aber fasst der Zionismus damit Fuß in Westeuropa; auch deswegen, weil im Westen deklariert antsemitische Parteien Wahlerfolge zeigen und damit das Assimilationskonzept in Frage gestellt wird. Am Kongress dominiert die politische Einschätzung, dass die Situation in Rußland, Rumänien etc. ein Indikator ist für die Unmöglichkeit einer allgemeinen Befreiung der Juden in allen Ländern. Ein weiterer Grund für die Sympathie im Westen am Zionismus auch wegen der Säkularisierung und religiösen Liberalisierung vieler junger Juden (Rationalistischer Universalismus) [3] .

Die heutige Debatte um jüdische Identität ist selbstverständlich stark geprägt zum einen von den Erfahrungen und dem Wissen über die nationalsozialistischen Massenmorde -für die bloß symbolisch Auschwitz steht- und dem Überleben. Und zum anderen -und damit auch zusammenhängend- die Existenz des "real existierenden'' jüdischen Staates.

Ein weiterer Identitätsaspekt als 'ethnische' und religiöse Zugehörigkeit, ist begründet in einer längeren historischen Kontinuität. Das Judentum als Volk der Diaspora hat -deshalb- eine starke Beziehung zur schriftlichen Überlieferung, die ganz wesentlich religiös begründet ist. Dazu der zeitgenössische jüdische Historiker Yosef Yerushalmi:

"Alle an die Juden gerichteten Ermahnungen, sich zu 'erinnern' ' ....,waren nutzlos gewesen, wären die Riten und historischen Erzählungen nicht in der Form der Thora (der 'Lehre' im weitesten Sinne) kanonisiert würden, und hätte sich die Thora ihrerseits nicht ständig in Form der 'Überlieferung' erneuert... " [4]

Yerushalmi proklamiert damit die historische Kontinuität, die sich aus dem Zusammenhang von verschrifteter Geschichte als gemeinsame Erinnerung des Volkes ergibt. Ich meine allerdings, dass dies unbedingt relativiert werden muss: Denn, als Volk der Diaspora, lebt es mit und unter anderen Völkern und kann diese Überlieferung nur eine Dimension des Geschichtsbewusstseins sein; und tatsächlich ist im realen Lebenslauf vieler Juden dieser Aspekt bloß ein untergeordneter.

 

C. Biografisch-literarische Belege

Zur weiteren Annäherung an das Thema werde ich an einigen biografischen Beispielen aus der Geschichte Europas zeigen, wie komplex sich Identitäten zusammensetzen und dass an die Frage danach nur unter historischen Voraussetzungen und unter Berücksichtigung der politischen Verhältnisse herangegangen werden kann.

Baruch ("der Gesegnete") d'Espinosa (1632-1677)

Gilt als sogenannter 'aufgeklärter', 'emanzipierter, jüdischer Philosoph. Er erlebt die 'nationale' Befreiung der Niederlande von Spanien und den Habsburgern und damit die Etablierung einer prä-demokratischen Gesellschaft, sowie den Aufstieg und die Etablierung zu einer imperialen (Welt-)Macht [5] , die gegen England und Spanien antritt [6] . Er lebt in einer Periode des blühenden Kapitalismus und des kulturellen Wandels [7] .

In dieser Atmosphäre der sehr radikalen Veränderungen wird gleichzeitig von vielen "Marranen" die lange Zeit abgelegte sephardisch-jüdische Kultur rekonstruiert und Amsterdam wird zu einer hochangesehenen "Kadal Kadoch" (heilige Gemeinde). Die ehemals spanisch/portugiesischen Einwanderer haben inzwischen aristokratische Stellungen im Staat bezogen und halten zum Teil monopolistische Handelspositionen. Der Krieg gegen Spanien, der Haß gegen die Habsburger und die Inquisition einigte die autochthonen Niederländer und die eingewanderten - und inzwischen gut 'gesettleten' - Sephardim. Die 'innerjüdische' Auseinandersetzung wird mit den neu einwandernden eher frommen und jiddisch-sprechenden ashkenasischen Juden aus Osteuropa und Deutschland gefährt.

Spinoza kennt ein weites Feld der arabischen, spanischen, wie auch der rabbinischen und kabbalistischen Literatur; und vermutlich war er stark von Maimonides [8] geprägt; v.a. aber von der italienischen Renaissance (Kopernikus, Galilei). Er entwickelt eine stark materialistisch/naturwissenschaftliche (mathematisch-physikalische), d.h. rationalistische Philosophie, die gegen die extrem mystische Kabbala steht, wie auch in ihrer Betonung des Verstands antidogmatisch und antiautoritär ist.

Folglich wird 1655 der erste (leichte) Bann gegen ihn ausgesprochen, dem 1656 die Cheren , der harte große Bann folgt; also der Ausschluß aus der Gemeinde wegen "abscheulicher Ketzereien und schwarzer Taten"; letztlich aber doch nur wegen Übertretungen und die Absage an Sabbat- und Speiserituale.

Spinoza lehnt den Bann "aus Rechtsgrundsätzen" ab, da die Gemeinde im Sinne des 'bürgerlichen' Staats keinen Rechtstitel hat [9] .Der Bann wird vermutlich von ihm als Befreiung angesehen, obwohl damit auch eine Reihe persönlicher Nachteile entstehen.

Sein Hauptwerk, der Tractatus Theologico-Politicus (TTP), ist als 'frühaufklärerisches' Werk zur Verteidigung der Denkfreiheit zu sehen; es ist ein Aufruf für die philosophische Vernunft, der Überprüfung tradierter Lesarten der Bibel.

Schon das ausführliche Inhaltsverzeichnis (das sich wie eine Programmatische Kurzfassung liest) macht seine Intentionen deutlich:

5. Kp. Von dem Grunde, weshalb die Zeremonien eingesetzt worden, und von dem Glauben an die Geschichten, aus welchem Grunde und für wen er nötig ist.

6. Kp. Von den Wundern.

13. Kp. Es wird gezeigt, daß die Schrift nur ganz Einfaches lehrt und nichts anderes bezweckt als den Gehorsam und daß sie auch über die göttliche Natur nichts anderes lehrt, als was die Menschen in einer bestimmten Lebensweise nachahmen können.

20. Kp. Es wird gezeigt, daß es in einem freien Staate jedem erlaubt ist, zu denken was er will, und zu sagen, was er denkt.

 

Glückel von Hameln (1645-1724)

Das Buch "Erinnerungen ('Sichroth') der Glickel von Hameln" ist ihr zufällig aufgetauchtes Tagebuch (geführt von 1690-1719), das erstmals 1896 gedruckt und seither mehrmals neu aufgelegt wurde [10] .

Die Aufzeichnungen sind von ihr eigentlich zur Erinnerung für ihre Kinder geplant gewesen, damit also ein 'privates' Dokument. Sie beginnt mit dem Niederschreiben der Kindheitserinnerungen nach dem Tod ihres ersten Mannes Chaim Hameln 1689 und setzt fort mit aktuellen Eintragungen, die bis 1719 in Metz reichen, wo sie ab 1700 mit ihrem zweiten Mann lebt.

Geschrieben ist es in deutsch-jüdischer Sprache (nicht jiddisch!) mit hebräischer Schrift [11] .

Sie ist die Tochter des Leib Pinkerle, der in Hamburg (nach ihren Notizen) als erster Jude hier Niederlassungsrecht genießt, heiratet im 15 Lebensjahr und bringt zahlreiche Kinder auf die Welt. Sie ist äußerst fromm und zitiert daher auch immer wieder die Bibel in Hebräisch.

In ihrer Kindheit erlebt sie die Nachwehen des 30-jährigen Krieges mit seinen enormen Verwüstungen, Verarmungen und Entvölkerungen weiter Gebiete. In den norddeutschen Ländern hat die Reformation gesiegt und Hamburg ist eine reichsunabhängige Stadt die präbürgerlich regiert wird [12] . Es gibt kaum mehr eine intakte jüdische Gemeinde und für einzelne jüdische Familien gibt es bestenfalls durch absolutistische Herrschaft der Landesfürsten willkürlich geduldetes Wohnrecht. Jüdisches Leben läuft vor dem Hintergrund tradierter antijüdischer Ressentiments der Umgebung ab und fallweise folgen auch Vertreibungen.

Glückel schreibt alles nieder, was ihr wichtig erscheint: Familienangelegenheiten, Geschäftliches - sie führt als Witwe die Geschäfte ihres Mannes weiter- und kommentiert die Politik. Ihre Geschäftsbeziehungen, die Ehen ihrer Töchter und schließlich die eigene Übersiedlung nach Metz ermöglichen ihr einen relativ weiten Horizont. Dieser Blick und die vielen Details machen das Buch zu einem außerordentlichen kulturgeschichtlichen Dokument.

"Mein Vater war gar nicht so sehr reich, aber, wie schon erwähnt, er hatte großes Gottvertrauen; er ist keinem etwas schuldig geblieben und hat sich's gar sauer werden lassen sich und seine Familie ehrlich zu ernähren. Er hatte schon viel Schweres durchgemacht und war damals schon bejahrt-, darum hat er sich auch sehr beeilt, seine Kinder zu verheiraten. Als er meine Mutter nahm, war er schon Witwer; er war schon 15 Jahre oder mehr mit einer wackeren und sehr vornehmen Frau namens Reize verheiratet gewesen, die ein großes und feines Haus geführt haben soll. Mein Vater hat von ihr keine Kinder gehabt. Sie hatte aber aus ihrer früheren Ehe eine einzige Tochter, die an Schönheit und Tugend nicht ihresgleichen halte. Französisch konnte sie wie Wasser (*), was meinem sel. Vater auch einmal zunutze gekommen ist..."

(* 'fließend', wie wir heute sagen)

 

Hannah Arendt (1906-1975)

Sie ist politische Essayistin, philosophische Historikerin, historische Literatin,... die den Marxismus ablehnt und sich an der griechischen Polis orientiert (daher Kritik der Linken als 'Konservative' erntet) und für die Rätekonzeption plädiert (und so Ablehnung durch die Konservativen erfährt). So wie sie sich als Denkerin nicht ein- oder zuordnen lassen will, grenzt sie sich -als Jüdin- gegen den deutschen Nationalismus ab ebenso wie gegen den Zionismus als jüdischen Nationalismus. Sie kämpft dennoch in der amerikanischen Emigration aktiv für die jüdische Auswanderung nach Palästina und arbeitet politisch am Entwurf eines jüdisch-palästinensischen Staates.

Ihre Texte und ihre Selbsteinschätzung sind voller Ambivalenzen (als Gleichzeitigkeit, nicht als unversöhnliche Widersprüche), sie ist konsequent Grenzgängerin und fühlt für sich "eine Art von Fremdheit unter den Menschen" (1970).

Arendt wird 1906 in Hannover als Tochter von Paul Arendt und Martha (Cohn) geboren, die Eltern sind aktiv in der Sozialdemokratie. 1908 übersiedelt die Familie nach Königsberg, wo schon früher Hannahs Groß- u. Urgroßeltern lebten. (Max Cohn ist Inhaber einer europaweit bekannten Tee-Import-Firma; er steht in der deutsch-aufklärerischen Tradition und ist skeptisch gegenüber dem Ostjudentum und Zionismus; er ist Mitglied im "Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" und Präsident der "Liberalen jüdischen Gemeinde").

Nach dem Tod des Großvaters und dem frühen des Vaters verlebt Hannah ihre Kindheit in einer Welt der (aktiven) Frauen (Mutter, Großmutter). Ihre religiöse Erziehung beschränkt sich auf den Religionsunterricht bei einem sozialdemokratischen Rabbiner; dessen jüngere Schwester und Hannah lebenslang Freundinnen bleiben.

Geprägt von den Erfahrungen und dem Milieu versteht sie sich selbst eindeutig als nichtreligiöse assimilierte Jüdin, doch (wie sie in späteren Interviews ergänzt) aus der Erfahrung der Vertreibung aus Deutschland und Emigration in die USA, als deutsche Staatsangehörige, intellektuell in der Tradition der deutschen aufklärerischen Philosophie und nicht zum deutschen Volk gehörend.

Ihr Buch Rahel Varnhagen-Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik ist eine 1938 fertiggestellte Biografie über die deutsche jüdische Literatin Varnhagen (Rahel Levin, 1771-1833), in der Arendts Selbstbild an der anderen Frau sichtbar gemacht wird.

'Judentum gibt es nicht außerhalb der Orthodoxie auf der einen, dem jiddisch sprechenden, Folklore produzierenden jüdischen Volk auf der anderen Seite. Was es außerdem gibt, sind Menschen jüdischer Abstammung, für die es jüdische Inhalte im Sinne irgendeiner Tradition nicht gibt und die aus bestimmten sozialen Gründen und weil sie sich als eine Clique innerhalb der Gesellschaft befanden, so etwas produzierten wie einen 'jüdischen Typ'" .

Aus der Polis-Gesellschaft entwickelt Arendt eine 'moderne' [13] soziologische Kategorie des menschlichen Daseins und seiner gesellschaftlichen Rolle, das am jüdischen Dasein expliziert wird: Den Paria und den Parvenu.

Der Paria ist der Außenseiter, der in der Gesellschaft, die sich auf Privilegien stützt, die Menschenwürde, das eigentlich Humane, spezifisch menschliche repräsentiert, jedoch um den Preis der Ausgrenzung aus der Politischen Öffentlichkeit. "Die Menschenwürde, die der Paria instinktartig entdeckt, ist die einzig natürliche Vorstufe für das gesamte moralische Weltgebäude der Vernunft".

Der Parvenu ist auch Außenseiter, doch aus eigenem Antrieb; durch seine Tüchtigkeit ist er aus der 'Klasse' der 'standesgemäßen' Privilegierten aufgestiegen, "als ein besonders gutes und starkes und iotelligentes Exemplar, als ein Leitbild seiner armen Pariabrüder...; bezahlt den Verlust seiner Pariaeigenschaften damit, daß er endgültig unfähig wird, Allgemeines zu erfassen, Zusammenhönge zu erkennen, sich für anderes als für seine eigene Person zu interessieren. "

Und Rahel Varnhagen "ist interessant, weil sie ganz naiv und noch ganz unbefangen genau dazwischen steht zwischen Paria und Parvenu " und aus diesem Zwischenort jüdischer Existenz in die vorerst aufklärerische, doch letztlich reaktionäre und antisemitische (damit also gegenaufklärerische) Welt übertritt.

'Die Berliner Ausnahmejuden in ihrer Jagd nach Bildung und Reichtum haben drei Jahrzehnte Glück gehabt. Der jüdische Salon, das immer wieder erträumte Idyll einer gemischten Geselligkeit, war das Produkt der zufälligen Konstellation in einer gesellschaftlichen Übergangsepoche. Die Juden wurden zu Lückenbüßern zwischen einer untergehenden und einer noch nicht stabilisierten Geselligkeit. Adel und Schauspieler, beide außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft stehend - wie die Juden - beide gewohnt, eine Rolle zu spielen, zu repräsentieren, sich auszudrücken, darzustellen, 'was man ist' - und nicht nur wie der Bürger (nach einem Wort aus dem 'Wilhelm Meister') 'zu zeigen, was man hat' - ... Juden wurden in dem gelockerten Konventionsgefüge der Zeit in der gleichen Weise gesellschaftsfähig wie die Schauspieler: beiden attestiert der Adel ihre bedingte Hoffähigkeit. "

Eine (vorläufig) abschließende Bemerkung zu der anfangs angesprochenen bzw. von mir so benannten 'Zuordnungs'problematik:

Ohne mich auf eine differenzierte Gesellschafts- bzw. Kulturanalyse einzulassen, also in einem verallgemeinerten - und daher auch in einem abstrakten Sinn -, ist für die gegenwärtige Diskussion um die Identität eine Frage zu stellen: Ist möglicherweise die schon von Max Weber soziologisch beschriebene Ausdifferenzierung der Institutionen, der Kultur (Politik, Wissenschaft) - also der "Vergesellschaftung" genannte Prozeß - schon so weit und durchgängig gediehen, dass die Bezugs'orte' für die Individuen verloren sind, oder nicht mehr ausreichen, um sinnstiftend zu sein? D.h. damit auch keine tragfähigen Lebensvorstellungen und Zugehörigkeiten für die Gegenwart gebildet werden können? Dazu einige aktuelle Stichworte zur Kennzeichnung: Wertewande , Lebensstile, Bildungs-, Informations-, Voyeursgesellschaft, die div. 'Appendix'-Kulturen: Sozio-, Frauen-, Multi-, Auto-, Betriebs-, Managementkultur..., die darauf hindeuten.

© Peter Bettelheim


Anmerkungen

[1] Mit den traumatischen Konsequenzen der Vernichtung 'unwerten Lebens' wie in den nationalsozialistischen Tötungsfabriken.

[2] Siehe dazu u. anderem: Bettelheim P. und Ley M.: Ist jetzt hier die 'wahre' Heimat? Wien 1993. S.131ff. - Hier auch weitere Überlegungen zu dem wichtigen Zusammenhang von Nationalismus und Judenfeindschaft.

[3] Durch den Zionismus als Bewegung und Ideologie erfolgt eine fatale Konvergenz politischer Interessen: Als Antwort auf die (Fremd-) Segregation wird eine positiv gesehene Selbstausgrenzung aus der 'europäischen' Gesellschaft vollzogen.

[4] Yerushalmi Y.H.: Ein Feld in Anatot. Berlin/ Wagenbach 1993.

[5] V0C : Vereinigte Ostindische Compagnie in Indonesien [Djakarta] , Japan, Amerika [New Amsterdam -> New York] und N-Europa [Ostsee]

[6] NL hat angeblich mehr Schiffe als alle anderen europäischen Staaten zusammen; d.h.: potente Werftindustrie

[7] Konsumgüter, Stoffe, Gewürze, Buchdruck, Malerei...

[8] Moses Ben Maimon; 2. Hälfte des 12.Jh. Sieht Einheit der Natur als Indiz für die Einheit Gottes.

[9] s.d. die Erstausgabe seines Tractatus Theologico-Polilicus (1670) ohne Angabe des Verfassers, doch wird Spinoza schon sehr bald als Autor erkannt.

[10] Zuletzt 1986 in Frankfurt.

[11] Von einem vereinheitlichten Deutsch ist noch lange keine Rede und schon gar nicht von einer normierten Hoch- d.h. Schriftsprache. Ganz zu schweigen von dem noch weithin verbreiteten Analphabetismus.

[12] Dazu ein zeitgeschichtlicher Vergleich: Ihre Geburt ist von der Französischen Revolution so weit entfernt wie das Ende des 2. Weltkriegs vom Jahr 2089.

[13] Angesichts der derzeitigen politischen, v.a. wirtschaftlichen Entwicklungen und den sozialen Konsequenzen ist ihre Charakterisierung in frappanter Weise 'post-industriell'.


Was ist Mehrfachidentität ? Wie funktioniert sie ? (1994 - Ljubljana)

Multiple identity: What it is and how it works (1994 - Ljubljana)