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MEHRFACHIDENTITÄTEN

EUROPÄISCHE TAGUNGEN ÜBER
"ÜBERLAPPENDE TEILKULTUREN UND MEHRFACHIDENTITÄTEN"

Das Thema "Überlappende Teilkulturen und Mehrfachidentitäten" wurde auf Initiative des damaligen Vorsitzenden des Fachausschusses Sozialwissenschaften und Entwicklung der Österreichischen UNESCO-Kommission, Dr. Arne Haselbach, in die Weltdekade für kulturelle Entwicklung der UNESCO (1988-1997) eingebracht.

Insgesamt wurden sechs Tagungen von Fachleuten europäischer Unesco-Kommissionen abgehalten, deren Gesamtkoordination für die Österreichische UNESCO-Kommission bei Dr. Arne Haselbach und Generalsekretär Dr. Harald Gardos lag.

 

ZUR THEMENSTELLUNG

Was waren unsere Überlegungen, als wir den Titel der Reihe formulierten ?

Warum haben wir Vorstellungen wie "überlappende Teilkulturen" und "Mehrfachidentitäten" verwendet?

Überlappende Teilkulturen

Die im Gesamttitel der Reihe angesprochene Vorstellung von "Kultur" bezieht sich nicht ausschließlich auf nationale oder ethnische Kulturen sondern auf beliebige Gruppen längerer Dauer. Es gibt verschiedene Jugendkulturen, verschiedene Kulturen in der Geschäftswelt, eine akademische Kultur, so viele verschiedene Kulturen der Wissenschaften wie es wissenschaftliche Disziplinen gibt, ein Kultur der Jäger, der Seeleute, und ungezählte andere.

Wir waren der Meinung, daß es helfen würde, die heutige Welt besser zu verstehen, wenn man die große Vielfalt von Teilkulturen in die Betrachtung einbeziehen und anerkennen würde,

  • daß es innerhalb nationaler Gesellschaften viele Kulturen gibt sowie
  • daß es viele grenzüberschreitende transnationale Kulturen gibt.

Wenn man "Kultur" in diesem Sinne denkt, drängt es sich auf

  • daß sich viele dieser Kulturen überlappen und
  • daß die meisten Menschen in mehr als einer dieser Teilkulturen leben.

Und es beginnt auch einzuleuchten, daß viele der Menschen, die in mehr als einer Kultur leben, in jeder dieser Kulturen ganz zuhause sind.

Mehrfachidentitäten

Mit dieser Vorstellung von "überlappenden Teilkulturen" im Kopf nahmen wir uns die Vorstellung "Identität" vor.

Nach herrschender Auffassung ist es selbstverständlich, daß jeder Mensch eine Identität hat. Diese Identität wird als etwas Geschlossenes, als ein Ganzes gedacht. Dabei wird davon ausgegangen, daß jeder Mensch seine Identität behält, was immer auch passiert. Sie kann sich ändern, aber sie bleibt diese Identität.

Wir waren also mit einer Situation konfroniert, in der die Vorstellung, daß Identität eine homogene, widerspruchsfreie, gegenstandsartige Qualität hat, die Menschen besitzen, so tief eingewurzelt ist, daß es nur schwer möglich ist, von dieser Sicht abzuweichen.

Diese Vorstellung produzierte jedoch in uns und unter Bekannten, von denen einige mit Menschen arbeiteten, die in anderen Kulturen aufgewachsen sind, starke Dissonanzen.

Aus unseren eigenen Erfahrungen ergab sich ein ganz anderes Bild:

  • Es schien kaum widerlegbar, daß in den verschiedenen Kulturen, in denen ein und dieselbe Person zuhause war, von einander abweichende - oft sogar einander direkt widersprechende - Ansichten, Verhaltensregeln und Wertvorstellungen herrschten, an die sie sich zu halten hatte. Und dennoch gelingt es vielen Menschen, mit diesen widersprechenden Regeln zu leben.
  • Völlig unabhängig davon war uns aufgefallen, daß Reflexion (über welche Frage auch immer) voraussetzt, daß man in der Lage ist, die Position oder Perspektive zu wechseln, um die betreffende Sache von einer anderen Seite aus zu sehen. Wenn man ein Ganzes, und ein identisches Ganzes ist, wie ist es dann möglich, über irgendetwas zur reflektieren?

Die Lösung dieser sich bei genauerer Betrachtung weiter verstärkenden Dissonanzen fanden wir darin, daß einzelne Individuen Mehrfachidentitäten haben müßten. Was wohl auch das war, was Marcel Duchamp mit jenem Bild sagen wollte, in dem er sich selbst fünfmal - um einen Tisch sitzend - malte.

Uns schienen diese Überlegungen so spannend, daß wir uns entschlossen, einen Prozeß einzuleiten, um den Gegebenheiten auf den Grund zu gehen. Wir wollten herausfinden, wie Mehrfachidentitäten Einzelner entstehen, welche Prozesse dabei involviert sind, wie Menschen mit der Pluralität in ihnen selbst und mit den Widersprüchen und Konflikten zwischen ihren Umwelten umgehen, und wie es ihnen in ihrem Alltag gelingt, von einem kulturellen Register zu einem anderen zu wechseln.

Kurz gesagt: Wir wollten die völlig verzerrte Vorstellung einer geschlossenen, widerspruchsfreien Identität nicht länger akzeptieren und herausfinden, welche Prozesse tatsächlich ablaufen, die wir - in unseren Kulturen - "Identität" nennen.

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