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CONTRIBUTIONS / BEITRÄGE

Arne Haselbach / Andreas Paula (1998)

Volkshochschule Brigittenau
Wir unterrichten alle Sprachen *

In der Volkshochschule Brigittenau kann man alle Sprachen lernen - alle Sprachen, für die es in Wien qualifizierte Lehrer/innen gibt.

Im Berichtszeitraum umfaßte das Angebot der Volkshochschule Brigittenau Kurse in 75 verschiedenen Sprachen.

Wie ist diese - auf ersten Blick eher ausgefallene - Zielsetzung entstanden? Was wird damit bezweckt? Warum soll man in Wien - und zwar unabhängig davon, welchen Bildungsstand man mitbringt - jede Sprache lernen können?

Erwachsenenbildung muß transparent sein, will sie ihr Ziel erreichen. Eine Volkshochschule, die Sprachen als einen ihrer zentralen Schwerpunkte hat, soll daher offenlegen, was sie zu dieser Schwerpunktsetzung veranlaßt hat und womit Kursteilnehmer/innen rechnen können, wenn sie eines der Angebote annehmen.

Welches Verständnis von Spracherwerb und Sprachunterricht liegt dem umfangreichen Sprachangebot der Volkshochschule Brigittenau zugrunde? Welche methodischen und didaktischen Überlegungen führen zu seiner inhaltlichen Ausrichtung?

Sprachen - Kulturelles Erbe der Menschheit

Wenn wir von der Kultur eines Landes sprechen, denken wir meist an bekannte Sehenswürdigkeiten, an große Bauwerke, an historisch bedeutsame Stätten, an Museen und große Kunstwerke aller Art, manchmal auch an das, was uns die Tourismusindustrie zeigt oder verkauft, wie Tänze und Trachten, lokale Speisen und Produkte der Volkskunst.

Eine Kultur besteht aber nicht nur aus Gegenständen. Was eine Kultur ausmacht ist, wie die Menschen die Welt sehen, wie sie denken, wie sie sich ausdrücken. Schließlich sind auch materielle, von Menschen hergestellte Gegenstände, und seien es die größten Kunstwerke, Ergebnisse einer Art sich auszudrücken. Auch die Herstellung von Trachten und lokalem Hausrat beruht keineswegs lediglich auf der Nachbildung von Formen, sondern auf komplexen Verbindungen von sichtbaren Zeichen und von Bedeutungen. Das gilt auch für das Verhalten der Menschen. Solche Verbindungen sind unsichtbare Teile einer Kultur von großer Gestaltungskraft.

Sprachen sind Verdichtungen dessen, wie große und kleine Gemeinschaften von Menschen die Welt sehen, wie sie denken, wie sie sich ausdrücken. Als solche sind Sprachen unverzichtbarer Teil des kulturellen Erbes der Menschheit, ihrer schöpferischen Vielfalt.

An Denk- und Ausdrucksmitteln gibt es kein Alleineigentum - weder von Individuen noch von Kulturen oder Nationalstaaten. Historisch gewordene und sozial geformte Denk- und Ausdrucksmittel stellen ein geistiges Vermächtnis der jeweiligen Gemeinschaften für die ganze Menschheit dar.

Für Einzelne stellt eine zusätzliche Sprache eine Quelle innerer Bereicherung dar, sie ermöglicht neue Erfahrungen und schafft Zugang zu Produkten menschlichen Geistes, die sonst verschlossen bleiben würden. Hat man sich mit einer weiteren Sprache vertraut und sich die in ihr angelegten Sichtweisen zueigen gemacht, ist die eigene Welt anders, reicher, vielfältiger geworden.

Die Volkshochschule Brigittenau betrachtet die Vermittlung wichtiger Teile des kulturellen Erbes der Menschheit als ihren Bildungsauftrag. Sie hat das Vermächtnis der Kulturen an alle anderen angenommen und sieht es als Verpflichtung an, Österreicherinnen und Österreichern den Erwerb der Vielfalt der Denk- und Ausdrucksmittel der Menschheit zu ermöglichen.

Das alles ist Grundlage einer Programmpolitik, die auch bewirkt, daß man in der Volkshochschule Brigittenau eine ganze Reihe von Sprachen lernen kann, die sonst in Österreich nirgends angeboten werden.

Sprachen - Verbindung von Mensch zu Mensch

Unsere Welt ist von wachsender Mobilität gekennzeichnet. Veränderungen der Techniken und der Strukturen der Wirtschaft, die Verlagerung von Arbeitsplätzen und die weltweite Verteilung von Reichtum und Armut, aber auch politische Ereignisse, führen dazu, daß Menschen sei es innerhalb ihrer angestammten Gemeinschaften ihre engere Heimat verlassen, sei es in andere Länder und Kulturen übersiedeln oder flüchten müssen. Gegenden, in denen bis vor wenigen Jahren von der Bevölkerung überwiegend eine einzige Sprache gesprochen wurde, sind heute mehrsprachig. Staaten mit einer einzigen Amtssprache wachsen mit anderen Staaten zusammen, in denen andere Sprachen gesprochen werden.

In einer solchen Welt sind Sprachen nicht nur Mittel innerer Bereicherung, sie sind auch - in mehrerer Hinsicht - unendlich praktisch.

In einer solchen Welt, die auch die unsere ist, begegnet man immer öfter Menschen - von Person zu Person -, die in anderen Kulturen und mit anderen Sprachen aufgewachsen sind. Sie arbeiten in derselben Firma, wohnen oft im selben Haus - sie sind unsere Nachbarn. Man trifft sie auf der Straße, im Lokal, in der Straßenbahn. Sie sind unsere Mitbürger.

Sprachen schaffen die Möglichkeit, mit Menschen, die in anderen Kulturen und mit anderen Muttersprachen aufgewachsen sind, in Austausch zu treten, mit ihnen zu reden, sie - ohne viel Mißverständnisse - zu verstehen, schaffen die Möglichkeit, so auf sie einzugehen, wie auch wir gerne möchten, daß sie auf uns eingehen.

Auch wenn es im heutigen gesellschaftlichen Diskurs oft unter den Tisch fällt: Im Leben zählt nicht nur beruflicher Erfolg. Menschsein ist mehr. Zwischenmenschliche Kontakte, schöne gemeinsame Erlebnisse mit anderen Menschen sind ebenso wichtig. All das, das Entstehen von guten Bekanntschaften, das Finden von Freunden in gemischten Gesellschaften wird leichter, wenn man ihnen zeigt, daß man sie ernstnimmt und sie schätzt, wie sie sind - dazu gehört auch, daß man sich bemüht, ihre Sprache zu lernen.

In der Europäischen Union ist die Mobilität aller Bürger verbrieftes Recht. Zusammenarbeit und Arbeitsteilung, ob grenzüberschreitend oder innerhalb eines Landes, zwischen Bürgern verschiedener Mitgliedsstaaten verbreiten sich rasch. Wer die Sprachen anderer EU-Staaten beherrscht, wird es leichter haben, sich daran zu beteiligen.

Doch Wirtschaftsprozesse machen auch an den Grenzen der EU nicht halt. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs haben sich unsere Kontakte, nicht nur die wirtschaftlichen, auch mit unseren übrigen Nachbarländern verstärkt. Die Kenntnis der Sprachen unserer Nachbarländer - früher nur bei gelegentlichen Urlaubsaufenthalten gefragt - kann heute vielfach genutzt werden.

Sprachen - berufliche Fertigkeit

Unendlich praktisch, ja oft unabdingbar, sind Sprachen auch deshalb, weil immer mehr Arbeitsplätze - bei steigender Tendenz - Fremdsprachenkenntnisse zur Voraussetzung haben.

Und das nicht nur in jenen wirtschaftlichen Berufen, die Güter für den Export produzieren. Auch andere Wirtschaftszweige stehen in ständigem internationalen Kontakt, der oft auf Englisch oder in einer der anderen internationalen Handelssprachen abgewickelt wird. Tochtergesellschaften ausländischer Firmen haben oft eine andere Sprache als Deutsch zur Konzernsprache.

Fremdsprachen sind auch nicht nur auf höheren Ebenen der Betriebshierarchien wichtig. Auch im Handel werden Verkäuferinnen mit Fremdsprachenkenntnissen anderen vorgezogen, die nicht über solche Kenntnisse verfügen. Dies trifft aber nicht nur im Handel zu. In einer Großstadt wie Wien, mit ihren bedeutenden Sehenswürdigkeiten und ihrem intensivem kulturellen Leben, die zu allen Jahreszeiten von einer großen Zahl von Touristen besucht wird, sind Fremdsprachenkenntnisse bei Bewerbungen insbesondere für alle Stellen, die Kundenkontakt haben, von Vorteil und können den Ausschlag für die Einstellung geben.

Sprachkurse in den wichtigsten Handelssprachen - ob am Vormittag, Nachmittag oder Abend, unter der Woche oder an Wochenenden, von verschiedener Intensität und Dauer, mit oder ohne Zertifikat - stellen, zusammen mit den Kursen in Sprachen der Nachbarländer und der Wienbesucher, auch den überwiegenden Teil all der Menschen, die in der Volkshochschule Brigittenau Sprachen lernen.

Sprachkurs ist nicht gleich Sprachkurs

Sprachschulen leben davon ihre Kurse als Produkt auf einem mittlerweile heiß umworbenen Markt zu verkaufen. Dennoch - und hier liegt ein Hauptaugenmerk der Volkshochschule Brigittenau - Sprache kann nicht, Sprachkurse sollen nicht den herrschenden Gesetzen des Marktes unterworfen werden.

Angebote mit attraktiven Namen (z.B. Crashkurse, Superlearning, Non-Stop) mögen zwar kurzfristig den einen oder anderen "Kunden" bringen. Schöne Verpackungen und geschickte Verkaufsstrategien sichern aber keinen langfristigen Lernerfolg. Die Metapher vom Kunden, der König ist, ist hier nicht zuftreffend. Denn zum Sprachenlernen braucht man keinen König, man braucht die Zusammenarbeit von Experten. Beim Sprachenlernen in Kursen müssen mindestens drei Experten ihre verschiedenen Qualifikationen einbringen: die Lernenden, die Unterrichtenden und die Volkshochschule.

Wer hat im Sprachkurs das Sagen?

Kursteilnehmer/innen sind Experten. Sie bringen ihre bisherigen Lebenserfahrungen, ihr "Weltwissen" und ihre individuellen Lernstrategien mit in den Kurs. Die "Hauptarbeit" des Lernprozesses wird unter Zuhilfenahme dieses reichen Reservoirs an Vorerfahrungen von den Lernenden übernommen. Die Unterrichtenden bringen ihre sprachlichen, methodisch-didaktischen und sozialen Kompetenzen ein, um die Teilnehmer/innen auf dem Weg zu ihrem Lernziel kompetent zu unterstützen. Die VHS Brigittenau zeichnet für die Bereitstellung adäquater Rahmenbedingungen verantwortlich und bringt fachlich kompetente Beratung und Begleitung vor und während des Lernprozesses ein.

Prinzipien des Sprachunterrichts

Das Zusammenspiel dieser drei "Experten" führt dann zum Erfolg, wenn bestimmte - für den Spracherwerb notwendige - methodisch-didaktische und linguistische Grundprinzipien Beachtung finden.

  • Der Mythos von homogen Gruppen prägte und prägt viele Kursdesigns. Im Bereich der Erwachsenenbildung (wie auch in Schulen) gibt es keine einheitliche Zielgruppen mit einheitlichen Lernvoraussetzungen und Lernzielen. Also kann es im breiten Kanon unterschiedlicher Methoden auch keine beste Methode geben, zu welcher Sprachkursanbieter oder Trainer/innen Zuflucht nehmen könnten.
  • Im Sprachunterricht geht es nicht (nur) um das kognitive Lernen von (nach einem, zwei oder mehreren Semestern quantitativ) messbaren Faktenwissen wie Grammatik, Lexik oder gar um abgehackte Kapitelüberschriften im Lehrbuch. Es geht zu einem beträchtlichen Ausmaß um den Erwerb von Fertigkeiten und Fähigkeiten in fremdsprachigen Kommunikationssituationen für das konkrete Lebensumfeld der Lernenden.
  • Die im Sprachunterricht erarbeiteten Inhalte und Bereiche können sinnvollerweise nur ausgehend von individuellen Bedürfnissen und nach den von den Teilnehmer/innen mitgebrachten Vorkenntnissen bzw. Voraussetzungen zusammengestellt werden.
  • Kurstragende Lehrwerke orientieren sich in der Regel stark an bestimmten methodischen und didaktischen Vorstellungen bzw. an ganz bestimmten Progressionsmodellen und Inhalten. Oft sind diese Unterrichtsmaterialien nicht direkt kompatibel mit den Bedürfnissen der Teilnehmer und den Mechanismen des Spracherwerbs. Die Auswahl bzw. die Zusammenstellung des jeweiligen Kursmaterials muß immer in Abstimmung mit den individuellen Bedürfnissen der Teilnehmer/innen erfolgen. Authentisches Material mit Bezug zu konkreten Lebenssituationen der Lernenden fördert den Lernerfolg und ist didaktisierten (mitunter auch infantilisierten) Texten vorzuziehen.
  • Grammatik, Lexik, Phonetik usw. sind Mittel zum Zweck und niemals sinnvolle Ziele zur Erreichung allgemeinen Kommunikationsfähigkeit. Grammatik wird anhand von Texten erlernt. Das ist die Umkehrung einer weitverbreiteten Praxis. Nicht "von der Regel zur Sprache", sondern "von der Sprache zur Regel" unterstützt den Spracherwerb.
  • Erwachsene Lerner/innen verfügen über individuelle Lernvorerfahrungen und meistens ganz bestimmte Erwartungen. Lernstile und Lernverhalten sind in der Regel von der schulischen Sozialisation der Lernenden abhängig. Eine wichtige Aufgabe der Unterrichtenden liegt darin, Lernstile der Teilnehmer/innen zu erkennen und Hilfestellung zu leisten, wenn ein bestimmtes Lernverhalten den allgemeinen Grundlagen des Spracherwerbs erschwerend entgegensteht.
  • Die weitverbreitete Zielsetzung: möglichst bald, möglichst wenige Fehler zu machen behindert den Spracherwerbsprozeß. Denn wenige Fehler machen in der Regel nur jene Lerner, die wenig produzieren. Die aktive Auseinandersetzung mit Sprache ist allerdings für den Spracherwerb wichtig. Das heißt, der Unterrichtende muß für ein Lernumfeld sorgen, welches die Angst vor dem Fehlermachen (im geschützen Umfeld der Kleingruppe) möglichst hintanhält.
  • Wichtiger Bestandteil der sprachlichen Kompetenz ist die Aneignung der vier Grundfertigkeiten. Hier gilt die einfache Grundregel: Wer sprechen will, muß viel sprechen; wer lesen will, muß viel lesen; wer schreiben will, muß viel schreiben; wer Gehörtes verstehen will, muß viel hören.
  • Die anteilsmäßige Verteilung der Aktivitäten zum Training der Grundfertigkeiten im Unterrichtsverlauf ist von den vorhandenen sprachlichen Kompetenzen abhängig. Im Anfängerunterricht werden die rezeptiven Fertigkeiten stärker geschult; bei Fortgeschrittenen wird ein besonderes Augenmerk auch auf die sprachliche Produktion gelegt werden.
  • Sprachschulen (und Schulen) leben teilweise vom Mythos, daß Sprachenlernen schwierig und anstregend sei. Doch, es geht auch anders. Lustvoller, engagierter und angstfreier Unterricht sichern den individuellen Erfolg aller Beteiligten. Die traditionelle "Belehrungsdidaktik" wird durch eine "Ermöglichungsdidaktik" ersetzt. Die Unterrichtenden "erzeugen" nicht das Wissen in den Köpfen der Lernenden. Sie ermöglichen Prozesse der selbstätigen und eigenständigen Wissens erschließung und Wissensaneignung. Für den Fremdsprachenunterricht bedeutet dies, daß das Konfrontieren der Lernenden mit für diese sprachlich relevanten Inhalten eine der wichtigsten Aufgaben der Unterrichtenden ist.
  • Die Ausbildung und kontinuierliche Weiterbildung der Lehrenden ist ein wesentlicher Faktor für den erfolgreichen Spracherwerb in Kursen. Neben hoher sprachlicher Kompetenz müssen Kursleiter/innen über methodisch-didaktische Fertigkeiten sowie über Kenntnisse in den Bereichen Linguistik, Spracherwerbsforschung und interkultureller Kommunikation verfügen. Für das Leiten von Gruppen und das Wahrnehmen von Gruppenprozessen ist außerdem eine hohe kommunikative und soziale Kompetenz erforderlich.
  • Wer im Sprachunterricht tätig ist, kann von sich (wahrscheinlich) nie behaupten, "ausgelernt" zu haben. Ständige Weiterqualifikation ist notwendig. Der Verband Wiener Volksbildung, der VÖV und die Volkshochschule Brigittenau sorgen für eine breite Palette von Weiterbildungsangeboten.
  • Weiterbildung darf nicht zu eng abgesteckt werden. Für die Weiterentwicklung der eigenen Qualifikationen ist der Besuch klassischer Seminare und Lehrgänge, fachspezifischer Symposien oder Fachtagungen wichtig, aber es kann auch nützlich sein, selbst einen Sprachkurs zu besuchen und so den Lernprozeß wieder aus der Sicht eines Kursteilnehmers zu erleben. Um ihr Ziel, qualitativ hochwertige Kurse in allen Sprachen anzubieten, legt die Volkshochschule Brigittenau größten Wert auf Weiterbildung ihrer Kursleiter/innen.

© Arne Haselbach / Andreas Paula 1998

Note

* HASELBACH, Arne - PAULA, Andreas »Wir unterrichten alle Sprachen« in: VWV »Tätigkeitsbericht 1994-1997« Verband Wiener Volksbildung, Wien 1998, S. 116-120