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CONTRIBUTIONS / BEITRÄGE

Arne Haselbach (1998)

Sich Einlassen auf Unvertrautes
Über Schlüsselqualifikationen für den Kulturerwerb *

Ich wurde eingeladen, mir den Kopf darüber zu zerbrechen, >ob und wie Kulturaustausch in der Sprachausbildung möglich ist, was man dazu beitragen und wie man ihn fördern kann<.

Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen. Was daraus wurde ist dieses kurze Referat, dem ich den Titel >Sich Einlassen auf Unvertrautes< gegeben habe.

Für eine systematische Darstellung auch nur der wichtigsten Zusammenhänge reicht die Zeit nicht. Ich lege Ihnen daher einige Skizzen von Teilstücken vor - Werkstattskizzen einzelner Bauteile aus einer Arbeit im Fluß - und argumentiere im Telegrammstil.

Es wird dabei nicht um Details und nicht um praktische Handreichungen dafür gehen, wie Kulturerwerb im Rahmen der Sprachausbildung möglich ist, sondern darum, welche Qualifikationen gefördert werden sollen, und insbesondere darum, was die Schlüsselqualifikationen für Kulturerwerb sind.

Und es kann - da es sich um Kulturerwerb handelt - auch nicht um Sprache alleine gehen, sondern muß den ganzen Menschen, seine Vorstellungswelten und seine Verhaltensweisen in die Überlegungen einbeziehen.

ASPEKTE DES PHÄNOMENS SPRACHE

Wenn man sich von Grund auf überlegt, was eine Sprache ist und wie Sprachen funktionieren - und sich nicht von einer der in Frage kommenden Wissenschaften oder Philosophien ans Gängelband nehmen läßt - treten folgende Aspekte hervor:

  • Sprache ist ein zwischenmenschliches Phänomen
  • Sprache ist auch ein individuelles Phänomen
    • Körper und Sinne sind involviert
    • Sprache wird verkörperlicht
  • Sprache ist ein Gefüge von Kulturtechniken der Interaktion, des Gebens und Nehmens
  • Sprache ist eine Technik des Verweisens auf Erfahrungen Anderer

 

Und diese Aspekte sind untrennbar miteinander verwoben.

Sprache ist ein zwischenmenschliches Phänomen

 

Eine Sprache ist zwischenmenschlich - denn

  • Eine Sprache involviert viele Menschen.
  • Keine der natürlichen Sprachen wurden von einem einzelnen Menschen allein entwickelt. - Keine natürliche Sprache wird ausschließlich von einem einzelnen Menschen in Isolation verwendet.
  • Sprechen und Hören natürlicher Sprachen sind zwischenmenschliche, sind soziale Vorgänge.
  • In solchen zwischenmenschlichen Vorgängen
    • entsteht Sprache,
    • wird die Sprache weitergegeben und individuell erlernt,
    • wird die Art ihrer Verwendung und die Bedeutungen der Wörter ausgehandelt,
    • entscheidet sich, was an einer Sprache überlebt oder untergeht.

Sprache ist also ein zwischenmenschlicher Vorgang.

Sprachtheorien, in denen die Interaktion von Menschen mit Hilfe der Sprache, also ihr zwischenmenschlicher Charakter, nur in Form einiger weniger auslösender Kindheitserfahrungen für den Spracherwerb relevant ist, können das Phänomen Sprache nicht in den Griff bekommen.

Sprache ist auch individuell

a) Der Körper und die Sinne

Eine Sprache involviert den Körper und die Sinne und wieder den Körper.

Der Körper ist involviert:

  • Eine Sprache sprechen ist eine körperliche Tätigkeit, ist Körperhandeln, gehört zu den körperlichen Handlungsweisen der Menschen.
  • Die Sprache lernen ist mit sichtbar körperlichem Hinschauen und Zeigen durch Erwachsenen verbunden; erste Verwendungen von Gegenstandswörtern durch Kinder ebenfalls.
  • Viele andere körperliche Tätigkeiten begleiten das Sprechen. Das Sprechen einer Sprache ist Teil eines Bündels von Tätigkeiten, zu dem z.B. Mimik, Hand- und andere Körperbewegungen, das Einnehmen von Körperhaltungen, Kopf- und Augenbewegungen etc. gehören.

Die Sinne sind involviert:

  • Gesprochenes wird über den Hörsinn empfangen.

Die Sinne sind aber auch in einem anderen Sinne involviert:

  • Ohne die über die Sinne erworbenen Vorstellungen hätten die Wörter der Sprache nichts, aus dem ihre Bedeutung entstehen könnte.

b) Sprache wird verkörperlicht

Auch der Körper ist noch in einem anderen Sinne involviert:

Der Körper ist involviert im Prozeß des Verkörperlichens von Erfahrung

  • Alles, was unsere Sinne und unseren Körper erreicht, wird in unserem Körper verarbeitet.
  • Bei jeder Erfahrung, die wir machen, bei allem, was wir lernen, bei allem, was wir erleben, entstehen im Körper Spuren dieser Erfahrung.
  • So verkörperlicht wird Erfahrung Teil unseres Körpers

    • All diese Spuren unserer Erfahrungen sind verkörperlichte, also körperliche Spuren.
    • Sinneserfahrungen werden verkörperlicht, darunter die gehörten Lautgestalten,
      Denkerfahrungen werden verkörperlicht,
      Handlungserfahrungen werden verkörperlicht,
      Erfahrungen des Fühlens, des Empfindens und von Vorstellungen werden verkörperlicht,
    • nichts davon auf Dauer zur Gänze, aber zu einem guten Teil.

    All das ist kulturell

    Wie wird es das ?

    Alle Erfahrung ist konkret, ist spezifisch:

    • Erfahrungen sind spezifisch - sie sind Umsetzungen der jeweiligen konkreten Interaktionen
    • In den Erfahrungen der Menschen
      • wird die Lebenswelt des Hier und Jetzt
      • werden die Verhaltensweisen der hier und jetzt anwesenden Menschen

    verarbeitet.

    Lebenswelt und Lebensgewohnheiten sind strukturiert, aufeinander abgestimmt und spezifisch:

    • Lebenswelten sind strukturiert - ihre Komponenten sind auf vielfältige Weise aufeinander abgestimmt - miteinander artikuliert.
    • Menschen entwickeln Gewohnheiten - in Interaktion miteinander und mit der Lebenswelt.
    • Gewohnheiten sind strukturierte, verkörperlichte Verhaltensweisen mit Spielräumen, die durch Weitergabe und gegenseitige Anpassung von Menschen stereotypisiert werden und sich oft von ihren Entstehungsbedingungen lösen.
    • Diese Gewohnheiten - die Wahrnehmungs-, Vorstellungs-, Fühl-, Denk-, Sprech- und Handlungsweisen - die ich, der Kürze halber, oft zusammenfassend Verhaltensweisen nenne - sind die Kultur, sind das, was man >kulturelle Prägung< von Menschen nennt.

    Was man mitnehmen kann, wenn man sein Land verläßt, sind

    • diese verkörperlichten Wahrnehmungs-, Fühl-, Denk- und Handlungsweisen, die Empfindungs- und Vorstellungsweisen

    und

    • die unzähligen verkörperlichten Erfahrungen.

    Sprache ist eine Technik des Bündelns von Erfahrungen

    Beim Spracherwerb - und bei jeder späteren einzelnen Verwendung von Sprache - werden verschiedenartige Erfahrungen miteinander verwoben:

    • Erfahrungen des Hörens von Lautabfolgen - der Lautgestalten, die wir Wörter nennen,
    • Erfahrungen des Sehens, des Riechens, des Greifens, etc. - die Erfahrungen aller unserer Sinne,
    • Erfahrungen des Denkens, der Phantasien, des Sich-Vorstellens - sowohl des freien Fließens der Vorstellungen und Erinnerungen als auch der herbeigezwungenen Vorstellungen.

    Und bei der nächsten Verwendung derselben Lautabfolge werden - mit Hilfe der bereits vorhandenen verkörperlichten Vorstellungen der jeweiligen Sprachsequenz - weitere Erfahrungen sowohl mit diesen Wörtern als auch untereinander zusammengebündelt.

    Es wachsen also

    • mehrere gleichzeitige Erfahrungen,
    • frühere mit späteren Erfahrungen und
    • sprachliche mit nichtsprachlichen Erfahrungen

    zusammen.

    Die Erfahrungen, die wir Bedeutungen von Wörtern nennen, sind solche Gefüge.

    Dieses >Bündeln< - dieses zu Gefügen Zusammenwachsen - bewirkt keine Vereinheitlichung; sonst gäbe es keine >kontextuellen Bedeutungen< !

    Bedeutungen sind >strukturhafte Gefüge<, >Ablaufgefüge<, >Abläufe in und durch Strukturen, die dadurch zu Gefügen werden, daß sich Verbindungen etabliert haben und etablieren<, die sich aktivieren oder gezielt aktiviert werden können.

    Bedeutungen sind

    • strukturhafte Gefüge,
    • Ablaufgefüge,
    • Abläufe in und durch Strukturen, die dadurch zu Gefügen werden, daß sich Verbindungen etabliert haben und etablieren,

    die sich durch die Aufnahme von Sinnesinformationen aktivieren oder denkend gezielt aktiviert werden können.

    Wörter sind Zugänge zu solchen Gefügen von Erfahrungen.

    Und Erfahrungen, die in irgendeiner Weise ähnlich sind, sind - über solche Gefüge - Zugänge zu den jeweiligen Wörtern.

    Sprechen ist eine Technik des Verweisens auf Erfahrungen

    Körperliches Zeigen ist Hinweisen auf Anwesendes

    Bei der informellen Förderung des Spracherwerbs von Kindern zeigen die Erwachsenen oft auf die Gegenstände, über die sie sprechen. Kinder, die zu sprechen beginnen, zeigen oft mit jeder Faser ihres Körpers dorthin, um sicherzustellen, daß die anderen wissen, wovon es zu sprechen versucht.

    Körperliches Hinweisen wird durch sprachliches Verweisen ersetzt

    Das körperliche Zeigen wird zurückgebildet - und durch sprachliches Verweisen ersetzt.

    Sobald ein Kind über seine Sinne ausreichende Hinweise erhalten hat, daß seine Worte bei anderen Erfahrungen aktiviert, die seinen eigenen ausreichend ähnlich sind, entfällt die Notwendigkeit des Zeigens.

    Der sprachliche Verweis reicht dann aus, um die mit dem Gesprochenen verfolgte Absicht zu erreichen.

    Die Bündelung sprachlicher Erfahrungen mit anderen Erfahrungen macht das gleichzeitige Vorliegen des Erfahrbaren, auf das verwiesen wird, unnotwendig

    Durch die im - nie abgeschlossenen - Spracherwerb entstandene >Bündelung sprachlicher Erfahrungen mit anderen Erfahrungen< wird das gleichzeitige Entstehen der sprachlichen Erfahrungen und der Erfahrungen, auf die verwiesen wird, unnotwendig - das Vorstellungsgefüge ersetzt sie.

    Sprechen ist eine Technik des Verweisens auf Erfahrungen Anderer

    Aus Zeigen wird Verweisen.

    Während Zeigen eine Technik des Verweisens auf eigene Erfahrungen ist, ist eine Sprache eine Technik des Verweisens auf Erfahrungen Anderer.

    Sowohl

    • die Prozesse der Verkörperlichung von Erfahrungen - und damit von Kultur -

    als auch

    • die Ergebnisse dieser Prozesse, die verkörperlichten Erfahrungen

    sind notwendig individuell.

    Anders formuliert:

    • Jeder Sprechende hat nur seinen Körper und seine verkörperten Erfahrungen.
    • Jede Hörende hat nur ihren Körper und ihre verkörperten Erfahrungen.

    Eine Sprache verstehen ist eine verkörperlichte Technik des Kalibrierens von gegenwärtigen mit früheren Erfahrungen

    Eine Sprache verstehen - Gehörtes oder Gelesenes - ist eine verkörperlichte Technik des Kalibrierens von gegenwärtigen Spracherfahrungen

    • mit anderen gegenwärtigen nichtsprachlichen Erfahrungen und
    • mit vielen früheren Spracherfahrungen und
    • mit vielen anderen früheren nichtsprachlichen Erfahrungen.

     

    KULTUREN UND KULTURELLE PRÄGUNGEN

    Kulturen sind nicht homogen

    Wir wissen alle:

    • Menschen sind nicht gleich
    • Lebenswelten und Lebensumstände sind nicht gleich
    • Erfahrungen sind nicht gleich
    • Bedeutungen sind nicht gleich

    Da all das nie gleich sein kann, können auch soziale Interaktionsmuster nie gleich werden.

    Überlappende Teilkulturen

    Kulturen können daher auch im Inneren nicht gleich, können nicht homogen sein.

    • Kulturen bestehen aus einander vielfältig überlappenden Teilkulturen - im Großen und im Kleinen.

    Verhalten wird nur mit Menschen kalibriert, mit denen man in Kontakt ist oder von denen man in anderer Weise Informationen erhält. Im letzteren Fall ist es ein einseitiges, nur im Empfänger stattfindendes Kalibrieren.

    Die Prozesse des Aufeinander-Abstimmens von Verhalten, die zum Ähnlichwerden des Verhaltens führen, sind daher von den Interaktionspartnern und Interaktionssituationen abhängig, sind zwischenmenschlich und individuell, sind interaktions- und situationsspezifisch.

    Auch Menschen haben nicht eine, sondern mehrere Kulturen,

    nicht eine, sondern mehrere Identitäten

     

    In einzelnen Menschen schlagen sich die überlappenden Teilkulturen nieder:

    • darin,
      • daß man sich ganz selbstverständlich in diesem Kontext so,
      • in einem anderen Kontext anders verhält;
    • darin,
      • daß man verschiedene Rollen ausübt,
      • daß man verschiedene Register von Verhalten beherrscht;
    • darin,
      • daß man verschiedene Varianten der eigenen Sprache spricht,
      • daß man die verschiedenen Bedeutungen, die Wörter in verschiedenen Zusammenhängen haben, ganz von selbst so interpretiert, wie sie in den jeweiligen Kontext passen.

    Einzelne Menschen haben nicht eine - sondern mehrere - Kulturen, nicht eine - sondern mehrere - Identitäten, nicht eine - sondern mehrere Sprachen.

    Diese Mehrfachkulturen, diese Mehrfachidentitäten, diese Sprachvarianten sind über breite Strecken ähnlich, sind miteinander verwandt, sind ineinander verwoben - oder besser - verklettet, verwalkt.

    Die Übergänge von den einen zu den anderen sind so eingespielt, >die auslösenden Kontexte< sind einem so bekannt, daß man sich der Mannigfaltigkeit meist nicht bewußt ist.

    Rollen und Register

     

    Den mannigfaltigen Rollen entsprechen ebenso mannigfaltige Wahrnehmungs-, Vorstellungs-, Empfindungs-, Fühl-, Denk-, Sprech- und Handlungsweisen, die sich zu Registern verweben.

    Jeder Mensch hat mehrere Rollen.

    • - Man verhält sich z.B. anders, wenn man mit verschiedenen Familienmitgliedern spricht.
    • - Man verhält sich am Arbeitsplatz anders als unter Freunden, am Sportplatz anders als in der Oper, etc.

    Jeder dieser Rollen im Kleinen und im Großen entsprechen bestimmte Verhaltensregister - Vorstellungsregister und Handlungsregister.

    Diese Register sind - kulturell erworbene - Gefüge von Sequenzen mit etablierten Zusammenhängen und eingespielten Übergängen. - Kleinere und umfangreichere Gefüge. - Keines dieser Gefüge ist allumfassend.

    Auch diese Register sind verkörperlicht.

    Die entsprechenden Sequenzen werden quasi-automatisch eingesetzt, sie entstehen wie von selbst in der spezifischen Interaktionssituation.

    Alle Menschen verfügen über die Fähigkeit zu solchen Übergängen

    Da jeder Mensch über solche Register verfügt, haben alle Menschen die Fähigkeit zu solchen Übergängen in ihrer Kindheit - und das heißt in unserem Kontext: in ihrer Herkunftskultur - bereits erworben.

     

    VERSCHIEDEN WIRKENDE VERKÖRPERLICHUNGEN VON ERFAHRUNG

    Ich muß nun eine Unterscheidung einführen zwischen

    • Verkörperungen von nur verbal oder nur denkend gemachten Erfahrungen

    auf der einen - und

    • Verkörperungen lebenspraktisch erworbener Erfahrungen

    auf der anderen Seite.

    Verkörperlichungen von nur verbal bzw. von nur denkend gemachten Erfahrungen

    Die Unterscheidung von >l< und >r< für Japaner und Chinesen

    Der japanische Philosoph Ichiro Yamaguchi, der sich in Deutschland habilitiert hat und mit einer Deutschen verheiratet ist, schreibt:

    »Allein die Kenntnis des Unterschiedes zwischen "r" und "l" beeinflußt den Prozeß der Wahrnehmung des Japaners ... kaum.« 1

    Auch die fremden Kulturen gegenüber aufgeschlossensten Menschen unter uns belächeln es gerne, wenn Chinesen oder Japaner diese beiden Laute verwechseln.

    Tonhöhenunterschiede z.B. des Chinesischen für Europäer

    Doch geht es uns anders ?

    Falls Sie zu jenen gehören, die nie eine Tonsprache gelernt haben, in der - wie im Chinesischen - auch die Abfolge der Tonhöhe die Bedeutung eines Wortes bestimmt, dann gehen sie einmal ins nächste chinesische Restaurant und hören den anwesenden Chinesen aufmerksam beim Reden zu. Versuchen Sie dabei, die bedeutungstragenden Tonunterschiede herauszufiltern.

    Ich habe es - ohne je Chinesisch gelernt zu haben - oft versucht; ohne jeden Erfolg.

    Wissen - auch sprachliches Wissen alleine - reicht nicht aus, um solche Strukturen zu erkennen und diesem Wissen entsprechend zu handeln.

    Verkörperlichungen von lebenspraktisch erworbenen Erfahrungen

    Yamaguchi sagt weiter, daß

    »die Wahrnehmung, selbst schon als eine Deutung, Artikulation und Differenzierung - vor jeglicher überlegenden Deutung durch den Verstand - am Werk ist:
    »Man könne in einem fremden Land anfangs verschiedene Differenzen in der Tat nicht "sehen", nicht "hören", nicht "fühlen", nicht "schmecken".«

    und

    »daß es sich hier nicht um .. eine Deutung des Wahrgenommenen, sondern .. um .. differenzierende Wahrnehmung .. handelt«

    Was Yamaguchi als differenzierende Wahrnehmung bezeichnet ist wohl - soweit die grundlegenden Mechanismen betroffen sind - dasselbe, wovon Wittgenstein spricht, wenn er sagt:

    »wir sehen und deuten - in einem«

    einer Erfahrung, der er unter den Wortformeln >Sehen als< und >Sehen eines Aspekts< einen großen Teil seiner >Philosophischen Untersuchungen< widmet.

    • Differenzierende Wahrnehmung entsteht nicht durch Denken oder Sprache allein.
    • Differenzierende Wahrnehmung entsteht durch die Verbindung von Erfahrungen mehrerer Sinne - das nichtbewußte und das bewußte, das nichtsprachliche und sprachliche Denken und die Erfahrungen eigenen Handelns und Empfindens eingeschlossen.

    Lebenspraktisch erworbene Erfahrungen sind deshalb so stabil, weil diese unzähligen und mannigfaltigen Verbindungen verkörperlicht werden.

     

    SCHLÜSSELQUALIFIKATIONEN IM ZWEITKULTURERWERB

    Und damit hoffe ich die Mechanismen skizziert zu haben, die zu meinen Vorstellungen von dem führen, was ich als die Schlüsselqualifikationen für Kulturerwerb betrachte:

    • Wenn Sprechen eine Technik des Verweisens auf Erfahrungen Anderer ist,
    • wenn Verstehen von Gehörtem Prozesse des Kalibrierens von Spracherfahrungen mit nichtsprachlichen Erfahrungen mit Hilfe einer - Schritt für Schritt erlernten - Technik sind,

    dann müssen Schritt für Schritt Erfahrungen der Arten erworben werden, wie sie in die Verhaltensweisen jener Menschen eingegangen sind und eingehen, die von der Kultur geprägt sind, in die man übersiedelt ist.

    Das klingt erschreckend, denn es erscheint - auf den ersten Blick - unmöglich.

    Doch es ist nicht so unmöglich, wie es erscheint.

    • Jeder Mensch - nicht nur ein Zuwanderer - hat nur seine eigenen Erfahrungen.
    • Kein Mensch kennt alles, was seine Kultur ausmacht.
      • Es gibt in einer Kultur daher keinen einzigen Menschen, der alle Erfahrungen gemacht hat, die diese Kultur ausmachen.
        • Das Ziel des Kulturerwerbs kann daher nie der Erwerb von allem sein, was die neue Kultur ausmacht, sondern so viel wie möglich von dem, was davon für einen selbst relevant ist.
    • Jeder Mensch macht unablässig neue, zusätzliche Erfahrungen.
    • Jeder Mensch hat die Fähigkeit, seine eigenen Erfahrungen mit den Rückmeldungen von Anderen zu kalibrieren.
    • Jeder Mensch hat Erfahrungen mit dem Aufbau von Registern.
    • Jeder Mensch hat Erfahrungen des Übergangs von einem Register zu anderen.

     

    SCHLÜSSELQUALIFIKATION: SICH EINLASSEN AUF UNVERTRAUTES

    • Die erste der übergreifenden Schlüsselqualifikationen, zu der mich meine Überlegungen geführt haben, ist >Sich Einlassen auf Unvertrautes<.
    • Um Vorstellungen, die in einer Kultur weit verbreitet sind und diese prägen, jeweils für sich neu zu entwickeln
    • und dabei das Entstehen der neuen Vorstellungen und neuer Verbindungen zwischen gar nicht so neuen Vorstellungen nicht durch das Dominantwerden der aus der eigenen Herkunftskultur stammenden Vorstellungen zu verhindern

    gibt es eine Herangehensweise, die darin besteht,

    • sich den Sinneswahrnehmungen zu öffnen,
    • sie wirken zu lassen ohne zu intervenieren,

    kurz,

    • sich auf die neue Um- und Mitwelt einzulassen, sie hereinzulassen, sie nicht abzublocken,
    • zu versuchen, das Interpretieren und das Bewerten - so weit und so lange es die Handlungssituationen zulassen - hinauszuschieben.

    Neue Vorstellungen aufbauen

    Die Schlüsselqualifikation >Sich Einlassen auf Unvertrautes< ist also eine Verhaltensweise und eine Methode, die es erleichtert, >neue Vorstellungen aufzubauen<.

    Sie ist die Fähigkeit, das mit den Sinnen Wahrnehmbare - das Beobachtbare - so wie es ist - als aufgenommene Erfahrungen der jeweiligen Sinne - wirken zu lassen, ohne sie durch allzuviel bewußtes Denken (durch >Denken< im engeren Sinne des Wortes) zu stören.

    Bewußtes Interpretieren schließt meist - explizites oder implizites - Bewerten ein. In jedem Falle verformt es >das durch die Sinne Wahrgenommene<.

    Es ist dieses implizite - meist quasi-automatische - Interpretieren und Bewerten, das entscheidend zu dem bekannten Phänomen der selektiven Wahrnehmung beiträgt.

    Es geht also darum, die

    • >herausgreifende und das Herausgegriffene interpretierende und bewertende Aufmerksamkeit<

    abzuschwächen und ein

    • >sich öffnendes und sich offenhaltendes Hinwenden<

    und das

    • >Wirkenlassen des Eintreffenden<

    und das Entstehen von Zusammenhängen durch das

    • >Wirkenlassen des Eintreffenden in seinem Nacheinander<

    zu verstärken.

    Neue Vorstellungen zu neuen Registern zusammenwachsen lassen

     

    Die Schlüsselqualifikation >Sich Einlassen auf Unvertrautes< ist auch eine Verhaltensweise und eine Methode, die es erleichtert, neue Vorstellungen zu neuen Registern zusammenwachsen zu lassen.

    Der letzterwähnte Punkt

    • das >Wirkenlassen des Eintreffenden in seinem Nacheinander<

    ist jener Aspekt der Sinneserfahrung, aus dem - durch das Entstehenlassen neuer Zusammenhänge - auch die Register entstehen.

    Die übergreifende Schlüsselqualifikation >Sich Einlassen auf Unvertrautes< ist also die Basis für zwei grundlegende Vorgänge im Kulturerwerb:

    • für den Aufbau >neuer, zusätzlicher Vorstellungen< und
    • für das Zusammenwachsen von Vorstellungen zu >Vorstellungsregistern<.

     

    SCHLÜSSELQUALIFIKATION: UMGANG MIT DISSONANZ

    Die zweite übergreifende Schlüsselqualifikation, zu der mich meine Überlegungen geführt haben, betrifft den >Umgang mit Dissonanz<.

    Daß diese Qualifikation mit dem >Sich Einlassen auf Unvertrautes< eng zusammenhängt und dies oft erst ermöglicht, scheint klar, denn

    • eine Dissonanz festzustellen,
    • sie nicht abzublocken,
    • sie in ihrem Anderssein möglichst mit allen Sinnen aufzunehmen,
    • sie wirken zu lassen,
    • die ihr eigenen Zusammenhänge entstehen zu lassen,

    sollen ja die Ergebnisse des >Sich Einlassens auf Unvertrautes< sein.

    Hier geht es nicht um jene Formen von Dissonanz, die in sozialen Konflikten entstehen, sondern um den individuellen Umgang mit jenen Dissonanzen, die im Bereich der Sinneswahrnehmung entstehen, die wir als Verschiedenheit empfinden. Und die oft die Basis für das Einrasten unserer differenzierenden Wahrnehmung bilden, die dann oft >selektive Wahrnehmung<, Fehlinterpretationen, und ähnliches auslösen.

    Heute kann ich Ihnen noch keine - auch nur halbwegs gefestigten - Vorstellungen darüber vorlegen, wie der notwendige neue Umgang mit Dissonanz erreichbar ist.

    Es schien mir aber erforderlich, auf diese Problematik hinzuweisen und die zu entwickelnde Qualifikation - ihrer enormen Bedeutung wegen - als Schlüsselqualifikation einzustufen.

    Ich bin überzeugt davon, daß sich die entsprechenden Verhaltensweisen entwickeln lassen und daß es möglich ist, Vorgangsweisen zu entwickeln, durch die sich diese Schlüsselqualifikation fördern läßt.

     

    SCHLÜSSELQUALIFIKATION: ROLLEN, REGISTER UND SICHTWEISEN WECHSELN

    Die dritte übergreifenden Schlüsselqualifikationen, zu der mich meine Überlegungen geführt haben, betrifft die Frage:

    • >Was sind die Schlüsselqualifikationen einer >plurikulturellen Lebensweise< ?<

    Die hiefür erforderliche Schlüsselqualifikation ist die Fähigkeit zum >Registerwechsel<, zum >Rollenwechsel< und zum >Wechsel von Sichtweisen<.

    Ich habe schon gesagt, daß jeder Mensch diese Qualifikation in seiner eigenen Kultur entwickelt.

    Wenn Kinder - in unseren Breiten - Gendarm, Lehrer oder Schaffner spielen, entwickeln sie Fähigkeiten des Rollenwechsels. Wenn sie mit ihren Freunden spielen, dann mit ihren Eltern zusammen sind, mit als Autoritätspersonen eingeschätzten Menschen in Kontakt sind, und in einer Vielzahl anderer Situationen entwickelt man diese Fähigkeit.

    Es scheint mir möglich, diese Fähigkeiten systematisch weiter zu entwickeln und auf die plurikulturelle Lebensweise zu übertragen.

     

    Abschließend

    WELCHE ARTEN VON PÄDAGOGIK BRAUCHT MAN DAFÜR ?

  • eine Pädagogik der Anregung und der Hilfestellung beim >Entstehen lassen< der >neuen Vorstellungen< und der >neuen Register< - eine Pädagogik, die die Lernenden (und einen selbst) zum >Sich Einlassen auf Unvertrautes< führt,
  • eine Pädagogik, die die Entwicklung einer Kultur des Umgangs mit den eigenen Dissonanzen zum Ziele hat - eine Dissonanzpädagogik (zusätzlich zur ebenfalls erforderlichen Konfliktpädagogik),
  • eine Pädagogik, die die Fähigkeit zum Wechseln von Rollen, Registern und Sichtweisen entwickelt und einübt - eine Pädagogik des Registerwechsels
  • - Pädagogiken, die den Lernenden helfen, Verfahren und Verfahrensweisen zu entwickeln, wie man diese Schlüsselqualifikationen entwickelt und zu beherrschen lernt.

    SCHLÜSSELQUALIFIKATIONEN SIND VERHALTENSWEISEN - NICHT WISSEN

    Beim Erwerb >kultureller Schlüsselqualifikationen< geht es nicht um den Erwerb von Wissen, sondern um das Erproben und das Einüben von Verhalten.

    Wissen hilft - aber schafft es alleine nicht.

    Zum Erwerb der kontextuellen Selbstverständlichkeiten

    Ziele sind

    • >selbstverständliches Verhalten<,
    • >automatisches, situationsspezifisches Verhalten<,
    • >kontextuelle Selbstverständlichkeit<.

    Nur verbal oder nur denkend gemachte Erfahrungen bewirken keine automatische Umsetzung in Wahrnehmungs-, Fühl-, und Handlungsweisen.

    Der Erwerb der kontextuellen Selbstverständlichkeiten kann nicht im Unterricht, er muß im täglichen Leben erfolgen.

    Der Erwerb von Schlüsselqualifikationen erfolgt selbsttätig und eigenständig
    - und Schritt für Schritt

    Die Fähigkeit und die Bereitschaft, sich auf Unvertrautes einzulassen, scheint mir bei all dem das Wichtigste zu sein.

    Und das läßt sich fördern und weiterentwickeln.

    © Arne Haselbach 1998

     

    Notes

    * Referat zu >Sprachausbildung und Kulturaustausch< beim Symposium "Integrationshaus: Ein Modell für Europa", Wien, 25./26. Sept. 1998, in: MigrantInnen Akademie Schriften 2/1998, S. 35-40.

    1 YAMAGUCHI, Ichiro »Ki als leibhafte Vernunft - Beitrag zur interkulturellen Phänomenologie der Leiblichkeit«, W. Fink, München 1997: Dieses und die weiteren Zitate S. 37f.