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CONTRIBUTIONS / BEITRÄGE

Arne Haselbach (1993)

Die Wiener Denkwerkstatt *

Als Experiment der Volkshochschule Brigittenau befaßt sich die >Wiener Denkwerkstatt< mit dem ganz normalen Denken. >Alltagsdenken< und >Alltagswissen< wird dabei Thema aktueller Bildungsarbeit und internationaler sozialwissenschaftlicher Grundlagenforschung.

Gegenstand der Untersuchung ist der >denkende Umgang von Menschen mit der Welt und mit sich selbst< in allen Aspekten. Dabei geht es um die Frage: >Wie verarbeiten und verwerten Menschen die Fülle von Informationen, die sie ständig aus der Umwelt erhalten?<

Der gesellschaftspolitische Hintergrund

Was wir für Wirklichkeit halten, wird in gesellschaftlichen Prozessen - durch interpersonelle Kommunikation - ständig neu geschaffen.

Wir alle - und jeder für sich - sind unentwegt Zeugen solcher Prozesse. Selbstverständlich erscheinende Erklärungszusammenhänge wurden durch die steigende Sensibilität gegenüber Umweltproblemen über den Haufen geworfen: Was einmal unbefragt als Fortschritt galt, muß sich heute ganz andere, zusätzliche Fragen gefallen lassen. In der Politik nimmt die Bereitschaft der Bürger/innen ab, sich über längere Zeiträume für eine bestimmte Art der Gestaltung der Gesellschaft einzusetzen - welche es auch immer sein mag. In Europa sind hunderte Millionen Menschen mit abruptem Wandel konfrontiert: in Ost-, Mittel- und Südosteuropa sind Identitäten zerbrochen, niemand blieb unberührt; in Westeuropa und bei uns herrscht Angst vor Überfremdung, vor einem Verlust des bisher als selbstverständlich empfundenen Lebensgefühls. Der Verlust wichtiger Teilidentitäten läßt andere - neue Nationalismen - in den Vordergrund treten, deren historische Überwindung bereits als gesichert galt.

Umbrüche dieser Art verändern nicht nur institutionelle Strukturen, politische Einflußsphären und Staatsgrenzen. Bezugsfelder und Zusammenhänge, Wertvorstellungen und Kriterien ändern sich - und damit das Denken, die Vorstellungen und Verhaltensweisen der Menschen.

Umbrüche im Denken über das Denken

Unsere westliche philosophisch-wissenschaftliche Tradition setzte Denken weitgehend mit sprachlichem Denken gleich. Als Wissen galt nur, was - meist sprachlich - kommuniziert und intersubjektiv überprüft werden kann. Hintergrund dieser Ausrichtung unserer Tradition ist vor allem die kategorische Abgrenzung des Menschen von der übrigen Natur und die Suche nach >objektiver< Wahrheit.

Seit über hundert Jahren läßt sich eine tiefgreifende Umwälzung im wissenschaftlichen Denken erkennen. Die Vorstellung von den Atomen als letzte, nicht mehr weiter teilbare Einheiten mußte ad acta gelegt und durch Vorstellungen von etwas Zusammengesetztem ersetzt werden, das sich mittels Energie gegenseitig als Raumgefüge trägt.

Für die Sozialwissenschaften gilt, daß sie selbst Teil jenes Prozesses sind, den sie beschreiben. Seit den Entdeckungen der Quantenphysik wissen wir, daß auch dort der Akt des Beobachtens - und damit die Beobachter - die Ergebnisse der Beobachtung beeinflussen.

Die offensichtlichen Widersprüche zwischen den fast allgemein akzeptierten Ansichten über Vorstellungs- und Denkvorgänge und dem, was wir aufgrund der Forschungsergebnisse vieler Wissenschaften über diese Vorgänge heute wissen, sind gewaltig.

Viele der Grundvorstellungen, mit denen wir im Alltag und in den Sozialwissenschaften operieren, wären davon betroffen, blieben aber bis heute weitgehend unberührt. Eine Vielzahl tradierter Vorstellungen, Zusammenfassungen und Abgrenzungen bedürfen daher dringend systematischer Überprüfung.

Einige Thesen im Hintergrund der Wiener Denkwerkstatt

1. Alltagsdenken und Alltagswissen

Welches Wissen für jemanden nützlich ist, hängt von seinem Alltagsleben, also von der Mannigfaltigkeit der Situationen ab, die im Umgang mit anderen Menschen sowie mit Technik und Natur beruflich und privat bewältigt werden müssen.

Basis der Bewältigung dieser Situationen im Alltag ist das Alltagswissen - jene Sammlung von Wissen, die jede/r Einzelne im Laufe seines Lebens schrittweise erwirbt.

>Wissenschaftliches< Denken und Wissen beruht auf denselben Denk- und Wissensprozessen, die grundsätzlich jedem Menschen zur Verfügung stehen.

2. Auch das nichtsprachliche Wissen muß berücksichtigt werden

Das Überleben eines Menschen hängt zuallererst - wie das aller höheren Tiere - von nichtsprachlichem Wissen ab. Wenn das nicht von vorneherein einleuchtet, sollte man sich z.B. überlegen, was passieren würde, wenn man nicht sehen würde, wo man hintritt, und wenn einem das nichtsprachliche Alltagswissen, das einem erlaubt, sich dem Gesehenen entsprechend zu verhalten, fehlen würde.

Die einseitige Ausrichtung unserer Vorstellungen vom Denken auf sprachliches Denken muß also überwunden und mit allen Formen nichtsprachlichen Denkens zu einem neuen Ganzen verbunden werden.

3. Kein Denken ohne Wertung und ohne Emotion

Zu unseren Vorstellungen von >rationalem< Denken gehört, daß es emotionsfrei zu sein habe. Diese normative Vorstellung vermittelt ein falsches Bild vom Denken.

Wenn wir Übereinstimmung feststellen, empfinden wir da nicht Harmonie? Und im gegenteiligen Falle Dissonanz? Sind das nicht Gefühle?

Es sind diese Gefühle von Harmonie oder Dissonanz auf der Ähnlichkeit und Unähnlichkeit, und damit jedwede Art von Identifikation, beruhen. Ohne Identifikation auf der Basis von Ähnlichkeit aber ist die Verwertung von Gelerntem unmöglich.

4. Mannigfaltigkeit, Überlappungen und Abwandlungen - nicht Identität und Homogenität

Auch die (notwendige) Gleichbenennung von Dingen führt zu grundlegenden Fehleinschätzungen im Denken. Die weitverbreitete Annahme, daß Worte feste Bedeutungen haben sowie die impliziten Auffassungen, daß Gebilde im Inneren homogen sind (wie z.B. bei Kultur oder Identität) bzw. daß gleichbezeichnete Gebilde tatsächlich gleich und nicht nur - in Bezug auf etwas - ähnlich sind, sind darauf zurückzuführen.

Wir müssen uns von den Fiktionen von Identität - identische Bedeutung, Identität im Inneren (Homogenität), Identität mehrerer Exemplare - lösen. (Woraus natürlich nicht abzuleiten ist, daß sie nicht weiter als Näherungsverfahren verwenden werden sollen.) Ein Bild vom Denken aber, daß auf diesen Vorstellungen von Identität aufbaut, ist falsch und fehlleitend.

5. Lernen - nicht Übernahme fremden, sondern Aufbau eigenen Wissens

Nach vorherrschender Meinung kann Wissen - so wie es ist - transferiert werden. So funktionieren Lernprozesse aber nicht.

Wissen kann nicht wie ein Gegenstand von einem Lehrenden einem Lernenden übergeben werden. Jeder Lernende muß sein Wissen selbst neu aufbauen. Was dabei entsteht ist nicht identisch mit dem Original, sondern (mehr oder weniger) ähnlich.

6. Einheit des Wissens?

Die beim lebenslangen Lernen entstehende Sammlung von Wissen ist kein geschlossenes, widerspruchsfreies Ganzes, sondern besteht aus einer Unzahl von Bruchstücken, von Ablaufs- und Vernetzungsmustern, die beim Denken, Reagieren und Handeln durch die Verarbeitung eintreffender und selbstgenerierter Information entstehen.

Die Einheit des Wissens ist - sowohl in individueller als auch in globaler Hinsicht - eine Schimäre, ein Wunschtraum, der Sicherheit verheißt, die aber in einer Welt, in der Wirklichkeit durch individuelle und soziale Prozesse konstituiert wird, prinzipiell unerfüllt bleiben muß.

7. Rezeption von Fragmenten wissenschaftliches Wissen im Alltagswissen

Volkshochschulen haben nicht die Aufgabe, Wissenschafter auszubilden. Dafür gibt es die Universitäten. Jedes wissenschaftliches Wissen ist Teil eines komplexen Gebäudes. Um wissenschaftliches Wissen zu vermitteln, müßte die gesamte Systematik eines jener Wissensfelder, die wir Disziplinen nennen, vermittelt werden. Es kann daher gar nicht Aufgabe der Volksbildung sein, wissenschaftliches Wissen im eigentlichen Sinne zu vermitteln.

Was und wie lernen Personen, die sich nicht zum Wissenschafter ausbilden, von den Wissenschaften, von den Aussagen bedeutender Denker und Philosophen?

Was man lernen kann sind Teilaspekte aus den Ergebnissen einer Wissenschaft - Fragmente, Module, Denkmuster - herausgebrochen aus ihren Entstehungs- und Argumentationszusammenhang. Diese werden rezipiert und dabei neukonstituiert. Wie generell beim Alltagswissen entstehen auch hier Komponenten eklektischen Wissens, die sich mit anderen Wissenskomponenten zu strukturierten Bedeutungsräumen formieren.

Die pädagogische Zielsetzung

Als Erwachsenenbildner müssen wir uns im Klaren sein, daß Umwälzungen in Gesellschaft und Denken für unsere Arbeit von größter Bedeutung sind. Veränderungen des Ausmaßes und der Intensität wie jene, mit denen wir heute konfrontiert sind, haben in der Geschichte nicht selten längere historische Perioden - und wahrlich nicht immer nur positiv - geprägt.

Daraus ergibt sich, daß wir - um unseren Bildungsauftrag erfüllen zu können - uns organisieren müssen, um diese Veränderungen im Denken und Verhalten besser verstehen zu lernen.

Wie Menschen im Alltag denken, mit Hilfe welcher Grundvorstellungen und mit welchen Denkvorgängen sie sich Zusammenhänge und Abläufe erklären, ist ein Schlüssel zu diesem Verständnis. Denn was Menschen denken und wie sie handeln, ist untrennbar damit verbunden, wie sie denken.

Die Volkshochschule Brigittenau versucht - neben vielen Kursen, die auf die direkte Aufarbeitung dieser Phänomene gerichtet sind - mittels der Grundlagenarbeit der >Wiener Denkwerkstatt< auch einen Beitrag zur zukünftigen Gestaltung der Erwachsenenbildung zu leisten.

© Arne Haselbach 1993

 

Anmerkung

* Arne Haselbach, »Die Wiener Denkwerkstatt«, in: Tätigkeitsbericht 1990-1993, Verband Wiener Volksbildung, Wien 1993, S. 86-88